Literatur

Ekky Meister

Neben der Musik widmet sich Ekky Meister auch dem geschriebenen Wort. In erster Linie handelt es sich um Gedichte, Songtexte und Kurzgeschichten. Einiges davon soll auf dieser Seite vorgestellt werden.
Ekky Meister Buch - Fingersätze zur Schwarz-Weiß-Magie

Eine Auswahl an Gedichten und Kurzgeschichten erschien 2005 beim Hallenser Projekte-Verlag unter dem Titel "Fingersätze zur Schwarz-Weiß-Magie".

Im Jahr 2015 wurde alles Vorhandene gesichtet – manches schon sehr alt, manches in den letzten Jahren neu entstanden - , eine Auswahl getroffen, einiges überarbeitet und das Ergebnis im in Eigenregie hergestellten Buch „Die Dreiteilung der Winkelspinne“ zusammen gefasst.

Beide Bücher sind bei Ekky Meister zu bekommen, von den „Fingersätzen“ ist allerdings nur noch eine Handvoll Exemplare übrig.

Darüber hinaus schrieb Ekky Meister neben der Musik die Textfassung für „Ein Weihnachtsmärchen – frei nach Charles Dickens", 2008 im Gewandhaus zu Leipzig uraufgeführt, sowie einige Liedtexte für den GewandhausKinderchor und das Kabarett academixer.

Kritische Anmerkungen zu den Texten im Gästebuch sind willkommen.

Ekky Meister Buch - Die Dreiteilung der Winkelspinne

Fingersätze zur Schwarz-Weiß-Magie

Geschichten
Die Landschaft

Ich bin wütend. Ich habe Wut im Bauch, noch nie ist mir aufgefallen, wie zutreffend diese Redensart ist. Ein dicker Klumpen im Magen, der sich dreht, umso mehr, wenn ich darüber nachdenke, warum und worauf ich wütend bin. Ich will gern nicht denken, will wenigstens das reine Wutgefühl auskosten, das mich energischer in die Pedale treten und die feuchte Abendkälte, die mir zwischen die zu leichte Kleidung fährt, ignorieren läßt, aber sowas gelingt mir selten. Zumal die Hälfte der Gedanken, die nicht aus Verwünschungen gegen meine Kollegen und meinen Chef besteht, mir nahelegt, daß ich mich über nichts aufzuregen brauche außer über mich selbst. Daß mein regennasser Sattel inzwischen auch meine Unterhose durchnäßt hat, macht es auch nicht besser. Hätte ja vorher eine Tüte drübermachen können.

Rote Ampel, Scheiße auch! Sonst wäre ich drübergefahren, es ist nach zehn, kein Auto weit und breit. Fühle mich zu schlaff, auch nur eine banale Regel zu brechen. Kein Zeitpunkt für Entscheidungen.

Meine verdammte Gutmütigkeit! Ach was, Gutmütigkeit klingt schöngefärbt; Harmoniesucht, Konfliktscheu - nennen wir es ruhig beim Namen: Feigheit.

Feigheit. Was für ein abscheuliches, großes, archaisches Wort. Ich drehe das Wort von links nach rechts, kaue darauf herum. Seit ich denken kann, eine der verachtenswertesten Eigenschaften. Obwohl mir nie irgendwer schlüssig erklären konnte, wo die Linie zwischen Feigheit und Angst und Bequemlichkeit verläuft.

Grüne Ampel. Die Kraft der Wut ist verflogen, ich fühle mich nur elend und klein. Ich schiebe das Rad ein Stück, atme tief durch und muß fast über mich lächeln, wenn auch leicht gequält. Elend und klein, Feigheit, Mut - was für kriegerische Worte für eine im Grunde derart banale Geschichte!

Ich komme an der Tankstelle vorbei, schwenke kurz ein und hole mir am Nachtschalter eine Büchse Beam-Cola und Zigaretten. Ein alter Zausel mit Plastiktüte steht daneben, trinkt sein Sternburg-Pils und glotzt mich aus glasigen Schweinsaugen an. Danke, Alter, wenn ich dich sehe, fühle ich mich gleich besser! Wie hieß es früher: Im Sozialismus ist jeder zu etwas gut, und sei es als abschreckendes Beispiel. Den tangieren solche Probleme nicht mehr.

Mich schon. Ich habe das kommende Gespräch mit Katja vor Augen, ich müßte sie eigentlich nachher gleich noch anrufen, aber ich weiß genau, daß ich dazu nie und nimmer die Kraft haben werde. Ich trolle mich hinter die Tankstelle, stecke mir eine Kippe an und nehme einen tiefen Schluck. Sinnlos betrinken wäre das Beste, wenn ich nicht morgen schon wieder Frühdienst hätte... müßte ich nicht machen, aber ich bin ja... Leichte Linksdrehung im Magen, der Blechgeschmack widert mich plötzlich an. Ja, es ist ganz allein meine Blödheit, wenn ich mich unter Druck setzen lasse. Mich nicht wehren kann. Was heißt wehren, es tut mir ja niemand was. Einfach sagen: Nein, tut mir leid, diesmal geht es nicht. Bin ich so erzogen? Hab ich mir das von jemandem abgeguckt? Oder ist das genetisch??

Gut, Pallmann ist krank, aber nicht erst seit heute, nun gab es auch noch in Wiesels Familie einen Todesfall, er muß zur Beerdigung, soll ich da vielleicht sagen: Leute, das geht mir am Arsch vorbei, ich will mir ein schönes Wochenende machen? Und dann steht da Greiner, unser abgekämpfter Chef, vor mir mit seinen müden Augen, Greiner, der zwei Kannen Kaffee und zwei Schachteln Zigaretten am Tag verbraucht und der wahrscheinlich bald eine Herzanfall hat, wenn er so weitermacht, und erklärt mir die Situation. Klar, verstehe ich, diesen Monat haben wir mehr zu tun als sonst, wir können froh sein, daß es so ist, und Frau Lenz mit ihren drei Kindern und dem invaliden Mann hat eh genug Probleme. Ich dagegen bin jung, ohne Familie, und Greiner weiß es zu schätzen, daß ich so verdammt scheißflexibel bin. Daß ich mit Katja das Wochenende nach Berlin wollte, gute Freunde besuchen und mit denen zum Dream Theater-Konzert, die Karten sind schon gekauft... wer würde das noch einzuwenden wagen?

Ich werfe die halbvolle Büchse weg und setze mich wieder aufs Rad. Ich höre Katja reden, es gab schon vergleichbare Anlässe. Enttäuschung, Schweigen, halbherzige Versprechen. Fast bin ich wütend auf sie, weil sie mich, ohne es zu wissen, schon jetzt unter Druck setzt. Verdammt, ich wollte selber gern dahin!

Meine Wut läßt nach, ich bin bald zu Hause. Die Luft scheint jetzt etwas milder. Ein besoffen wirkender Typ pöbelt irgendwas vor sich hin, sieht zu mir rüber, ich weiß nicht, ob er mich meint, ist mir egal. Ich stelle das Rad an die Hauswand, schließe die Tür auf, stelle meine Tasche rein, geh wieder raus, um das Rad reinzuholen. Der Typ ist ein paar Schritte entfernt, guckt irgendwie ungut. Ich nehme mein Rad, um es die drei Stufen hochzuheben, da geht er vorbei und rammelt absichtlich an das Rad, ich hatte es befürchtet, daß er Ärger sucht. Er bleibt stehen, dreht sich zu mir, brabbelt irgendwas, ob ich ihn anmachen will oder so. Ich stelle das Rad ab, sage, daß es mir leid tut, daß ich nur mein Fahrrad reintragen wollte, kriege schon wieder zittrige Knie, ich hasse mich dafür! Aber er will ja keine Entschuldigung, er will Ärger, er schubst mich mit beiden Händen, ich gehe einen Schritt zurück, eigentlich ist er zu besoffen, um gefährlich zu sein, man müßte ihm einfach eine reinziehen, aber ich kann sowas nicht. Er ist vielleicht Mitte dreißig, mittelgroß, speckige Jeans und ein Gesicht, daß auf regelmäßige Trinkgewohnheiten schließen läßt. Keift heiser vor sich hin, was für ein mieser Arsch ich bin, daß er sich von so einer Ratte nichts bieten läßt und so weiter, schmeißt mein Fahrrad gegen das daneben parkende Auto, schöner Kratzer. Will mir noch eine ins Gesicht geben, weil ich zurückweiche und er zu straff ist, geht es glimpflich ab, bißchen dicke Lippe, weiter nichts. Scheint fast zufrieden zu sein und will sich abwenden, ich kann nicht an mich halten, ihm ein "Hau doch ab, du Idiot" hinterherzuschicken. Er dreht sich langsam um mit seiner schiefen Fresse: "Willst du noch was?" - "Willst DU noch was, Penner!" bricht es aus mir, komisch, wenn man erstmal eingesteckt hat, wird man leichtsinnig, und langsam gewinnt Wut Oberhand über die zitternden Knie.

Er kommt langsam zurück, ich weiche ein, zwei Schritte aus, vor Augen habe ich plötzlich Szenen aus der Schulzeit, wo einer aus der Klasse drunter mich terrorisierte, mich anspuckte, mit Dreck beschmiss und meine Kumpels betreten daneben standen, weil ich mir so viel gefallen ließ. Ich hasse diesen Saufkopf stellvertretend für alle, denen ich nicht zurückgegeben habe, was sie verdienten. Mit einer Behendigkeit, die ich ihm nicht mehr zugetraut hätte, gibt er mir einen schmerzhaften Hieb in die Seite, mir treten Tränen in die Augen, die aber jetzt nicht mehr Kapitulation bedeuten, sondern Schmerz und helle Wut, und damit rechnet er jetzt wohl nicht mehr, denn fast ohne Gegenwehr packe ich ihn an seiner keimigen Jacke, schüttle ihn, das ist ein geiles, zutiefst befiedigendes Gefühl, besser als ein Orgasmus und ein später Morgenschiß zusammen, und ich schmeiße ihn mit voller Wucht und im vollen, wundervollen Bewußtsein, daß er wacklig auf den Beinen ist, gegen das Auto, wobei er noch mit einem Fuß in meinem liegenden Fahrrad hängen bleibt, sein Kopf knallt resonant an die Kante oberhalb der Beifahrerscheibe, er sackt runter und bleibt völlig verquer auf dem Fahrrad liegen. Mir ist schwindlig, ich muß mich auf die Stufen setzen, ich nehme wie im Traum wahr, daß an der Scheibe ein Rinnsal Blut zu sehen ist. Mir ist übel, übel vor Glück, ich habe den Feind zur Strecke gebracht, eigentlich zum ersten Mal.

Es dauert ein Weilchen, bis mir bewußt wird, daß ich jetzt eventuell ein Problem habe. Ich sehe auf dem Gehweg ein Pärchen nahen, im Haus gegenüber geht ein Fenster auf. Der Typ regt sich nicht. Ich kriege Panik, was, wenn er tot ist? Bin vom Held zum Mörder gesunken, im Bruchteil einer Sekunde. Hastig krame ich mein Handy raus, ist noch ausgeschaltet, mit zitternden Fingern gebe ich den Code ein, inzwischen ist das Pärchen ran und starrt entsetzt auf die Szene. "Gab hier ne Schlägerei", stammle ich, als sei ich nicht beteiligt gewesen. Ich wähle die 110, dauert einen Moment, dann gebe ich mir Mühe, zu beschreiben, was passiert ist.

Ich bin nicht imstande, den Feind anzufassen, um zu sehen, ob er noch lebt. Das Mädchen dreht ihn um, fühlt seinen Puls, schnauzt ihren Freund an, der hilflos daneben steht. Dann muß ich kotzen...

Ich sitze auf der Polizeiwache, es ist kurz vor zwölf, ich habe Kopfschmerzen , ich will ins Bett und mich betrinken oder umgekehrt. Mühsam erkläre ich dem nicht sehr hellen Polizeibeamten, was passiert ist. Diese Räume hier müssen jeden über kurz oder lang in den Wahn- oder Stumpfsinn treiben, je nach innerer Disposition.

Ich bin einerseits eingeschüchtert durch die Situation, andererseits, und das gereicht mir hier kaum zum Vorteil, fällt es mir schwer einzusehen, daß ich etwas falsch gemacht haben soll, daß ich jetzt als der Täter dastehe und der andere als Opfer. Ich fühle mich ungerecht behandelt, meine Seele erwartet eher etwas Balsam für die Heldentat. Auch daß ich ebenfalls Alkohol konsumiert hatte (man ließ mich pusten), spielt offenbar eine Rolle.

Der Typ lebt durchaus noch; soviel ich mitbekommen habe, hat er eine böse Platzwunde und eine mittelschwere Gehirnerschütterung, von übrigen Kratzern abgesehen, die daraus resultieren, daß er sichs auf meinem Fahrrad bequem gemacht hatte. Seine Schuld, ich habs da nicht hingelegt. Ach ja, nicht zu vergessen, daß die Autotür leicht verbeult ist. Das ist sicher der schlimmste Schaden. Dummer Zyklopenschädel, aber hart wie Kruppstahl...

Man hat mich nach Hause gefahren. Ich sitze da, mache nichts. Trinke ein Bier an, schmeckt scheiße. Mache Musik an, wieder aus. Alles Mist, alles kaputt. An Katja kann ich gar nicht denken, kriege sofort Kopfschmerzen. Wünschte, ich hätte Koks oder sowas. Keine Ahnung. Trinke halbe Flasche Wodka, um schlafen zu können. Onaniere im Bad, merke fast nichts. Kann mich nicht im Spiegel sehen.

Bleischwer, bleischwer der Morgen. Weiß nicht, wie lange das Telefon schon geklingelt hat. Scheiße, verpennt, immerhin kommt es sehr glaubwürdig, daß ich bei nicht aufgelegtem Hörer aufs Klo rennen muß, kotzen. Kommt nichts raus außer grüner Galle. Als ich auf Arbeit bin, ist natürlich nicht zu übersehen, daß mich ein Kater ordentlich gekratzt hat, will lieber nicht wissen, wonach ich rieche. Greiner macht mich vorerst nicht zur Schnecke, aber die Enttäuschung in seinen umringten Augen ist selbst für mich nicht zu übersehen. Mag sein, daß ich ihm heute keine große Hilfe bin. Zu erzählen, was passiert ist, geht über meine Kraft, hab die ganze Zeit Angst, daß die Polizei anruft und es alle erfahren.

Feierabend, bin zu Hause. Müßte Katja anrufen. Kann es nicht. Zuviel auf einmal, was ich ihr nicht erklären kann. Breche unversehens in Tränen aus, flenne meinen Esstisch voll, schneuze mich in die Küchenrolle. Katja, Katja, ich möchte nichts mehr, als daß du mich in die Arme nimmst und mir sagst, daß du bei mir bist, daß du mich verstehst und daß ich für dich alles richtig gemacht habe... Aber ich weiß, daß alles andere sein wird als das.

Ich rapple mich auf, das Leben muß weitergehen. Gehe einkaufen. Lade wenig in meinen Wagen, das Gegenteil vom hungrigen Einkäufer, der immer zuviel nimmt... Das Handy klingelt. Das Display zeigt "Wildkatze", in fernen guten Zeiten mein Kosename für Katja. Ich muß mit Macht dem Impuls, sie wegzudrücken, widerstehen.

Natürlich, sie ist schon leicht sauer, daß ich heute noch nicht angerufen habe. Ich weiche ihr aus, nein, es ist nichts, mir geht es gut... Nein, heute abend ist es nicht so günstig... Na, weil ich noch zu tun habe. Sie verabschiedet sich knapp, ist beleidigt, verständlich eigentlich. Dabei hat sie noch keine Ahnung von all dem, was ich ihr noch beizubringen hätte...

Ich lasse den Wagen stehen und gehe nur mit einer Wodkaflasche zur Kasse, da die Schlange aber so lang ist wie mir plötzlich elend, stelle ich die Flasche beim Waschmittel ab und winde mich hinaus.

Nächster Tag, ich war auf Dienst, habe versucht, alles so normal wie möglich zu erledigen. Die Kollegen sind zum Glück zu beschäftigt, um sich über mich viele Gedanken zu machen. Greiner hat nichts weiter gesagt, sieht mich irgendwie mitleidig an. Wer weiß, was er denkt, oder weiß er irgendwas? Ich rechne immer damit, daß ich nochmal zur Polizei muß, aber nichts passiert.

Früher Abend, habe vorhin Katja angerufen, hat lange genug gedauert, bis ich wirklich gewählt habe. Habe versucht, ihr erstmal das mit dem Wochenende zu verklickern. Längeres Schweigen am anderen Ende, dann so ein Statement im Sinne von: nein, ist nicht so schlimm, wenn es für mich so wichtig ist, wird es schon ok sein.

Hatte mir fest vorgenommen, ihr zu sagen, daß ich sie liebe, aber es ging nicht, ich war dann irgendwie auch beleidigt, wie kann sie mich in meiner Situation so kalt abfertigen?

Ich verlasse das Zimmer der Polizeiwache mit einem Stein im Magen. Mußte nochmal hin, um eigentlich die gleichen Fragen zu beantworten. Mein Blick verliert sich in den Leuchtstoffröhren des Flures, und vor mir breitet sich eine Landschaft aus, die nichts mit mir zu tun hat, in die ich nicht gehöre. Diese Landschaft scheint weit und unbegrenzt zu sein, aber vor allem ist sie wild, unbekannt und voller Gefahren. Irgendwas lauert da drin auf mich, das ich nicht sehe, aber immer im Rücken spüre, wohin ich mich auch wende. Ich werde in dieser unbegrenzten Landschaft gefangen sein, werde immer Kreise laufen, immer wieder auf diese feindliche Lichtung zurückkommen, auf der ich gerade stehe, und die Kreise werden immer kleiner werden, und wenn sie so klein sind, daß ich nur noch auf der Lichtung im Kreis gehe wie auf einem Gefängnishof, dann wird ES aus dem Gehölz brechen, es muß mir gar nichts tun, es reicht, daß es mich ANSIEHT... mich ansieht und sich so sicher ist, daß ICH es bin, der sich zu rechtfertigen hat...

Verdammter Unsinn... Ich erwache aus dem Tagtraum und stelle fest, daß mich tatsächlich etwas ansieht... jemand anstarrt... es sind gleich mehrere, es ist eine Frau vielleicht Mitte fünfzig, ein rotnasiger klappriger Kerl dabei und ein sonnenstudioverbarannter Muskelmann Mitte dreißig, der mich an irgendwen erinnert... der auf mich zeigt...

Ich sitze zu Hause, zittere, habe drei Wodka getrunken, habe mich ins Bett gelegt, das Licht ausgemacht... Sinnlos. Ich liege zwei Stunden wach, dann endlich klingelt das Telefon, und ich Idiot gehe natürlich ran, wenn das Verhängnis einen lange genug schmoren ließ, ist man regelrecht dankbar, wenn es kommt.

Natürlich sind SIE es, in persona offenbar seine Mutter, die mich in schwer verständlichem Zyklopensächsisch angiftet, ich hätte ihren einzigartigen Sohn, der immer noch im Krankenhaus liegt, umbringen wollen... Sie würden sich das von einem WICHSER wie mir nicht gefallen lassen, der Bruder und seine Freunde würden mich mal besuchen, dann könne ich meine Knochen einzeln nach Hause tragen, die Scheißbullen würden ja eh nichts unternehmen...

Im ersten Impuls will ich die Polizei anrufen, daß man mich bedroht. Ich bin dabei, die Nummer rauszusuchen, dann lasse ich es bleiben. Ich habe dort heute eh keine gute Figur abgegeben. Ich habe keine Zeugen, es wirkt wie eine gewöhnliche Schlägerei, und ich habe IHN lebensgefährlich verletzt. Im Gegensatz zu ihm war ich nahezu nüchtern, ich hätte die Folgen abschätzen müssen. Daß mir im Verlaufe des Gesprächs einige sehr despektierliche Worte über meinen Gegner entglitten, dürfte mir kaum geholfen haben. Dabei kenne ich dieses Arschloch gar nicht. DIESE VOLLGESCHISSENE MENSCHENHAUT! Ich muß grinsen. Genau! Kenne keinen, der mit größerem Recht so genannt werden dürfte. Eine überflüssige Anhäufung organischer Materie, ein Oberzyklop, ein blutiges Stück Hundescheiße, ein... ein mother- nein, ein sister-, ein daughterfucker...

Schön, wenn man noch lachen kann. Mir ist schlecht. Zeit für einen Wodka.

Auf Arbeit läuft es entspannter, Pallmann ist wieder da, Wiesel scheint von seinem Todesfall nicht so arg mitgenommen zu sein - soll ja vorkommen- , Frau Lenz sprüht vor guter Laune, hat gestern Kuchen mitgebracht, selbst Greiner wirkt irgendwie für seine Verhältnisse entspannt... oder kommt mir das alles nur so vor, weil allein ich ein einziger Krampf bin?

Das Wochenende ist verstrichen. Katja ist Freitag zu einer Freundin gefahren, heute ist Dienstag, und wir haben seitdem kein Wort miteinander gesprochen. Aber der Stich in meinem Herz, der davon kommt, dringt so gut wie nicht durch, weil der Mühlstein in meinem Magen davor liegt. Kann es sein, daß der Magen doch das wichtigere Organ ist? Klar, eigentlich einleuchtend: Wenn es wirklich hart auf hart kommt, ist es leichter, ohne Liebe zu leben als ohne Essen. Und wenn es einem wirklich scheiße geht, kann weder die Absicht auf Liebe noch auf Essen einen wirklich begeistern. Mit dem kleinen Unterschied, daß man keine Angst hat, das Essen könnte einem Vorwürfe machen und daß man es darum nicht anruft...

Mich gucken alle ein wenig mitleidig an, aber offenbar habe ich zu verstehen gegeben, daß ich nicht reden will, darum lassen sie mich in Ruhe, obwohl sie wohl merken, daß etwas nicht stimmt. Greiner hat mir nochmal gedankt für den Wochenenddienst mit sowas wie einem Anflug von Herzlichkeit.

Mein Leben nimmt paranoide Züge an. Die Drohung nehme ich nach wie vor Ernst, jeden Tag erwarte ich, daß sie mir irgendwo auflauern. Beim Einkaufen drehe ich mich ständig um, zu Hause ziehe ich immer die Gardinen zu und mache möglichst kein Licht an. Es wird wohl zu einer Gerichtsverhandlung kommen, aber das hat damit wenig zu tun. Ich habe einen Feind böse verletzt, und das werden seine Mitfeinde mir nicht vergeben. Ich hätte ihn töten sollen, dann könnten sie ihn als Helden und Märtyrer feiern, aber so habe ich ihnen einen vielleicht debilen Krüppel beschert, und so wird ihr Blutdurst sie früher oder später zu mir führen.

Donnerstag, eine halbe Stunde vor Dienstschluß. Spätdienst. Diese Zombies, wie sie mir inzwischen verhaßt sind, mit ihren normalen Leben, die nichts um sich herum mitbekommen, der ganze Scheiß, über den sie reden, und diese wahnsinnswichtige Arbeit, das ist nun ihr ganzes Leben. Kriegen die denn überhaupt nichts mit? Wissen die irgendwas von dem, was sich im Leben wirklich abspielt? Ich bin froh, daß es gleich vorbei ist.

Gestern habe ich zweimal versucht, Katja anzurufen. Beim ersten Mal war sie nicht da, aber selbst ihr Anrufbeantworter klang so hintergründig distanziert, so spitz, die gleichen Worte wie sonst, aber bestimmt hat sie es neu aufgenommen, damit ich gleich weiß, was Sache ist... Beim zweiten Mal war sie dran, ich hab sofort aufgelegt, dabei das Telefon runtergeschmissen, seitdem hat der Hörer Wackelkontakt, scheißegal, am besten wärs, das Ding wäre tot... Das Ding wäre tot. Ich, das Ding. Stumm, taub, gefühllos, ohne Zukunft, mit einer alles erdrückenden Vergangenheit. Oh Gott, kreig dich ein mit deiner Scheißvergangenheit, sowas dürfte vielleicht ein ehemaliger KZ-Aufseher sagen... Ich denke an Katja, und ich möchte heulen. Ich hab alles versaut, alles. Wenn ich sie wäre, fände ich mich auch scheiße. Ach, gar nicht nötig, ich finde mich auch so scheiße.

"Machen Sie Schluß für heute, Katzer, Sie sehen abgespannt aus." Greiner, heute ganz der gütige Vater. Nein, wirklich, er setzt sich zu mir, bläst seinen Rauch aus, "wissen Sie, es gibt Zeiten, wo einen alles mögliche belastet, und es fällt einem schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Sie brauchen mir nichts zu erzählen, ich kenne das sehr gut. Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie hier die Fahne hochgehalten haben, und ich möchte, daß Sie bei nächster Gelegenheit mal ein paar Tage frei machen, Sie möchten doch vielleicht mit Ihrer Freundin, wie hieß sie doch gleich... mal etwas unernehmen, ein paar Tage wegfahren...?"

Mein Gott, das stach tief hinein, nichts weißt du Arschloch, das mit seinem Leben als Mensch längst abgeschlossen hat. Ich schütze einen Klogang vor, weil ich die Tränen nicht mehr halten kann, und niemand soll die weniger sehen als die alle hier...

Besteige meinen Fiesta, wegen Regen heute dem Fahrrad vorgezogen. Nach Hause... ich kann nicht dran denken. Die Dunkelheit, der Wodka, ... die LANDSCHAFT! Ich habe mehrfach davon geträumt. Es gäbe das eine oder andere zu erledigen, aber ich kann es einfach nicht. Ich fahre zum "Pferdekopf", wenigstens ein Bier oder zwei und ein paar belanglosen Gesprächen lauschen, so tun als wäre alles einfach so... einfach.

Sitze am Tresen, bin in ein Gespräch verwickelt mit dem Pferdewirt und einem Schnauzbart, dessen Redefluß kaum zu bremsen ist, über Motorräder. Gibt einige Dinge, von denen ich mehr verstehe, aber es liegt in einer angenehm anderen Welt... Rob kommt zur Tür herein, grüßt lauthals den ganzen Raum, haut mir einen Amboß in die Schulter... "Hey, Katze, schon wieder Wochenenddienst am Donnerstag?" Worauf er grölend lacht. "Wie isses, spielst du uns einen? Ich geb auch ein Bier aus!"

Das fehlte noch. Ich hab als Jugendlicher ein paar Jahre Klavier gespielt, war dann in einer Schülerband, und ab und an nötigt mich jemand, was zu spielen. Auf nichts habe ich jetzt weniger Lust...

Aber der Pferdewirt steigt natürlich drauf ein, wann spielt schon mal jemand auf seinem verstimmten, biergetränkten Schinken. "Ja, Katze, los, Rob hat recht, spiel was! Ich leg noch nen Whisky drauf!"

Was bleibt mir übrig. Ich geh zum Klavier, ein paar Gäste johlen. Das Pferd stellt mir ein Bier und einen Doppelten hin. Ich stecke mir ein Kippe an und mache ein bißchen Blues in C. Dann ein paar Takte Root Beer Rag, was noch so hängengeblieben ist. Die Finger fühlen sich steif an, ansonsten macht es sogar irgendwie Spaß. Ein paar Leute applaudieren, ein Besoffener ruft "Aufhören!". Ich will aufstehen, aber das Pferd erneuert das Gedeck, ich nehme zwei tiefe Schlucke und überlege, was ich noch kann. Die Finger, eher als der taube Kopf, wissen noch das eine oder andere Fragment, ich denke an Katja, schwelge in Moll-add 9-Akkorden... bemerke irgendwann, daß das Gesprächslevel der Kneipe mich locker übertönt... Schleiche mich mit meinen zwei Getränken an den Tresen zurück, mein Platz ist inzwischen besetzt... "Hey, Katze, du warst groß, das geht alles aufs Haus!" ruft mir das Pferd mal zwischendurch zu, dann widmet er sich wieder seinem wichtigen Gesprächspartner, der aussieht, als würde er gerade die Tageseinnahmen des Stadtteilpuffs durchbringen...

Ich sehe die Welt vor mir äußerst gläsern. Äußerst gläsern. Und dahinter liegt die LANDSCHAFT. Und da will ich nicht hin. Ich vertiefe mich in meine Gläser. Ich stecke mir eine Kippe an. Hier will mir niemand was Böses. Was Gutes allerdings auch nicht. Wer weiß, wer von denen vielleicht mit dem FEIND befreundet war... WAR??? Das Schwein lebt immerhin noch. Ist. Ist? Die Landschaft. Sie existiert nur für mich, um auf mich zu warten. Irgendwann werde ich kommen, die Landschaft hat Zeit, unendlich viel Zeit...

Rob steht da hinten und flirtet mit irgend so einer abgefuckten Tusse. Ich könnte ihm was erzählen, aber... es wäre unpassend... Das Pferd hat nochmal nachgeschenkt, unbemerkt, ungefragt. Noch ein Bier, noch ein Whisky. Runter damit. Ich bin nah am Limit. Eigentlich schon drüber.

Kotzen. Gute Idee. Raus mit dem Mühlstein. Raus mit allem.

Katja. Ich könnte ihr alles erzählen. Ja. So einfach ist manchmal alles. Ich muß ihr alles erzählen. Sie wird mich verstehen. Sie liebt mich. Sie weiß, daß ich sie liebe. Sie über alles liebe. Daß ich sterben würde für sie. Sterben würde dafür, sie nur noch einmal zu berühren, obwohl alles...

Ich werde panisch und euphorisch gleichzeitig, so eine krude Mischung. Ich werde zu Katja fahren. Hat das Pferd nicht gesagt, es geht alles aufs Haus? Ich sage tschüß, niemand nimmt Notiz von mir, ich gehe raus, der Sauerstoff der lauen Nacht, der in meine Blutbahnen drängt, hält mich von nichts ab, im Gegenteil. Ich schließe mein Auto auf und starte, schere aus der Parklücke, trete das Gaspedal durch. Ich fahre zu Katja, zu der Frau, die ich liebe, es wird alles besser werden, es ist alles verfahren, aber dies und genau jetzt ist der Wendepunkt. Wir fangen neu an, mit allem, wir werden alles hinter uns lassen...

Etwas zuckt vor meinen Augen, ich steige instinktiv auf die Bremse, es gibt einen mörderischen Schlag, ich stehe. Ich sehe Kreise. Was war das? Ein Fahrrad, glaube ich. Ohne Licht, bin ich mir ziemlich sicher. Oder? Muß so gewesen sein. Klar, da war ein Mädchen auf dem Rad, ohne Licht, am rechten Rand, ich hatte gerade angesetzt, dran vorbeizufahren, sie muß einfach nach links ausgeschert sein. Ganz einfach. Ganz einfach. Schlimm, aber ich kann nichts dafür. Nichts. Außer, daß ich sturzbetrunken bin. Scheiße!!

Ich steige benommen aus. Was ist das? Ich weiß nicht, was das da ist. Ich hab sowas noch nie gesehen. Als wären Fahrrad, Auto und Mädchen oder was immer das mal war, zu einem Wesen zusammengewachsen. Fließende Übergänge. Die perfekte Sphinx des modernen Straßenverkehrs, Auto, Fahrrad und Fußgänger in einem. Schön, wenn man noch lachen kann.

Ich setze mich auf den Bordstein und schließe die Augen. Mein rechtes Handgelenk schmerzt, ich reibe meine Stirn und meine, Blut zu spüren. Niemand hier außer mir und der Sphinx.

Ich bin hier falsch. Mechanisch stehe ich auf und trotte in Richtung der nahen Tankstelle. Um Hilfe zu holen? Ich weiß nicht. Rechts und links von mir verschwimmen die Umrisse, durch das Dunkel sickert eine andere, vertrautere Welt, ich bin auf der Lichtung, die Landschaft sieht jetzt im Dunkeln gar nicht feindselig aus, sie wirkt so friedlich, ist sie zufrieden mit mir, hat sie bekommen, was sie wollte? Und in dieser Landschaft gehe ich nicht im Kreis, und die Tankstelle ist, wo sie sein sollte, und sie gibt mir eine Beam-Cola und Zigaretten, und die anwesenden Penner scherzen freundlich mit mir, einer gibt mir sogar ein Taschentuch, um die Platzwunde an meiner Stirn zu stillen. Zufrieden, rauchend, wende ich meine Schritte, die Landschaft nimmt mich zärtlich auf, auf den einen, einzig möglichen Weg: Nach Hause. Nichts muß mehr werden, alles ist, und es ist gut. Wie immer dieses Zuhause aussehen wird... Fast amüsiert stelle ich fest, daß der Weg mich tatsächlich vor das Haus führt, in dem ich wohne. Mitten zwischen all den rätselhaften Gewächsen der Landschaft steht es da und wartet auf mich, und es nicht allein. Vor seiner Tür stehen drei Silhouetten, drei Männer, einen erkenne ich beim Näherkommen als den Muskelmann-Bruder, unzweifelhaft sind sie erfreut über mein Kommen. Ich muß keine Angst haben, sie sind Teil der Landschaft, meiner Landschaft, ich hab mich mit allen, allem ausgesöhnt... Draußen, vor den undurchdringlichen Grenzen der Landschaft, fährt irgendwas mit Blaulicht vorbei.

Katja... sei stolz auf mich und weine nicht, ich bin dein Held, der sich in eine andere Welt begeben hat, um dort für das Gute und Richtige zu kämpfen. Eines Tages wirst du es verstehen, vielleicht werde ich als wettergegerbter Greis vor deiner Tür stehen, und du wirst auf mich gewartet haben, denn du weißt...

Ich trete näher, die anderen auch. Ein verstohlener Kältehauch läßt meine Nackenhaare stehen. Nein, es ist richtig, hier und sonst nirgendwo bin zu Hause, ich sollte diese drei Freunde, auf die ich so lange gewartet habe, hereinbitten, sicher ist ihnen kalt.

Hin und zurück und raus

Es ist Ende Januar, wie jedes Jahr rückt der Abgabetermin für den Literaturpreis so nahe, dass ich nicht umhin komme, mir ein paar Gedanken zu machen um eine Kurzgeschichte. Ich bin absoluter Amateur, was Literatur angeht, aber ich schreibe gern. (Ein Todesurteil!! yz) Viel zu selten allerdings, und so ein fester Termin ist ein guter Anlass, mal etwas zuende zu bringen. Leider hab ich eben gar keine Schreibroutine, zwar immer ein paar Ideen, aber wie fange ich an? Mache ich ein Konzept, eine Personenaufstellung, fange ich mit dem Ende an... oder schreibe ich einfach drauflos, mal sehen, was passiert? Fast bin ich geneigt, einfach loszulegen mit: "Es ist Ende Januar, genau wie jedes Jahr rückt der Abgabetermin für den Literaturpreis so nahe, dass..." Dann denke ich aber, dass das ein selten blöder Anfang ist, ich muss keinen mit der Nase drauf stoßen, dass ich nicht weiß wie's geht.
Vielleicht kann ich die Situation benutzen und mich selbst außen vorlassen (darf meinen Namen eh nicht nennen), wenn ich Glück hab, machen die Figuren irgendwann von allein weiter.

Albrecht legt das Handy weg, steht auf und macht sich einen Kaffee. Scheißwinter in Deutschland, man ist ständig müde, schlaff und depressiv. Anderswo gibt es Schnee und Wintersonne, hier denkt man an manchen Tagen, es ist noch gar nicht hell geworden, da ist es schon wieder Abend. An solchen Tagen kann Albrecht sich kaum länger als eine Viertelstunde auf seine Arbeit konzentrieren, dann diffundieren die Gedanken, meist greift er zum Handy und spielt eine Partie Stack Attack. Oder auch zwei oder drei, wenn es schlecht läuft. Immerhin gilt es, den Highscore von 1916 Punkten zu toppen; so knapp vor der 2000 hatte
ihn in der Silvesternacht doch noch eine Kiste zerschmettert, weil das hinterhältige Programm zwei kurz hintereinander in seine schon bedrohlich enge Klamm geworfen hatte... Manchmal wünscht sich Albrecht, einen Job zu haben, den man einfach abarbeiten kann, auch an solchen Tagen; über den man einfach nur ein bisschen mehr als gewöhnlich meckert, und gut! Aber Albrecht ist Schriftsteller, und er darf nicht meckern, denn er hat immerhin erreicht, was sich viele, die besser sind, wünschen, nämlich vom Schreiben zu leben. Er schreibt Zeitungskolumnen und ähnliches, manchmal auch Auftragsarbeiten wie Jubiläumsverse oder Trauerreden, und er hat schon etliche Kurzgeschichten verkauft, abgedruckt in Zeitschriften oder auch in kleinen Büchlein. Natürlich arbeitet er auch an seinem Romandebüt, aber die Arbeit daran kommt nicht voran, entweder hat er zuviel anderes zu tun, oder er hat Zeit, aber weder Inspiration noch wirklich Lust und ist im Herzen überzeugt, dass niemand auf der Welt diesen Roman braucht.
Albrecht schüttelt sich von der Bitterkeit des Kaffees, munterer fühlt er sich nicht.
In wenigen Tagen ist eine Kurzgeschichte abzuliefern für ein sogenanntes kultiviertes Männermagazin. Sie soll locker daherkommen, dezent Erotik versprühen (nicht zuviel, das können andere Kollegen besser) und ein wenig sonniges Feeling in die Herzen ähnlich mißgestimmter männlicher Mitbürger bringen. Alles Dinge, die ihm momentan äußerst fern liegen.
Albrecht klickt auf "Neues Dokument". Schriftsteller schreiben gern über Schriftsteller, ist ihm aufgefallen. Kein Wunder, das spart Recherchen und Imaginationskraft. Er beschließt, seine eigene Situation zum Ausgangspunkt zu machen, vielleicht gelingt es ja seinem alter ego, aus dem Trübsinn auszubrechen.

"Who's the weekest now/ I'm already gone..." Brunberg schmeißt die CD wieder raus, auch Devin Townsend bringt ihn heute nicht auf bessere Gedanken; was heißt bessere - auch schlechte Gedanken wären willkommen, wenn nur überhaupt verwendbare Gedanken. Es ist später Vormittag, will sagen drei Uhr nachmittags, und Brunberg hat schon Talkshows, Tierfilme, Gerichtssendungen und Tagesschau durchgezappt, in der Tageszeitung sowie in Büchern von Konsalik bis Krausser ziellos geblättert und angewidert zwei Whisky runtergewürgt, alles in der vergeblichen Hoffnung, irgendeinen Anstoß zu bekommen. Wie hat er immer über das Wort Schreibblockade geschmunzelt, so was haben doch nur Psychopathen, kann sein, man tritt am nächsten Tag alles in die Tonne, aber weitermachen, das kann man doch immer erst mal, selbst mit 39 Fieber, und irgendetwas Brauchbares bleibt in jedem Fall übrig.
Nun hat er eine Woche Urlaub hinter sich, herrlich gedankenfrei in der Sonne Korsikas gelegen, im Hafen von Bastia Fischmenüs verspeist mit der Vorstellung im Hirn, wie wunderbar erholt er sich zuhause an das neue Buch machen wird, der ganze Rummel um die letzte Veröffentlichung hatte ihn leergebrannt... und nun sitzt er schon den dritten Tag in seinem deutschen Arbeitszimmer, und aller Elan ist verflogen. Wenn statt all der schönen Worte ein paar Tausender mehr rübergekommen wären, hätte er noch einen Monat Urlaub dranhängen können und dort schreiben...
Brunberg greift sich eine Jacke und verlässt die Wohnung. Es ist zwar noch Sommer, aber welche Rolle spielt das in Deutschland? Wahrscheinlich büßen wir das Tausendjährige Reich mit dem Wetter ab!
Brunberg geht schnell, am liebsten würde er rennen, aber er mag jetzt keine Aufmerksamkeit. Nicht, dass Spazieren gehen helfen könnte, eine Schreibblockade ist kein einfacher Kater, aber das Rumsitzen war nicht mehr zu ertragen. Mitten auf der Stallbaumstraße liegt ein verlorenes Handy. Brunberg bleibt kurz stehen. Nein, nicht ich, nicht heute, denkt er und geht zügig weiter. Er dreht seine Runde vorbei am schmucken Schlösschen, das erst aufwändig restauriert wurde, um dann zur Bewirtschaftung allen zu teuer zu sein, hoch in Richtung Arkaden. Die große Kreuzung ist ihm unsympathisch, so biegt er instinktiv in die Gothaer Straße ein. Neben ihm bremst rasant ein schwarzer BMW, im gleichen Moment verlässt ein großer Mann im dunklen Mantel den Hauseingang vor ihm, der Mann blickt erst nach beiden Seiten und geht dann hastig davon, während der BMW-Fahrer, ein sonnenstudiogebräuntes Muskelpaket, gelassen ebendort eintritt. Brunberg realisiert, dass er sich direkt vor dem kleinen Stadtteil-Puff befindet, dessen Nachtbar er immer schon gern mal aufgesucht hätte, um vielleicht eine Geschichte aufzuspüren, aber die Vorstellung war ihm doch irgendwie peinlich. Irritiert bleibt er stehen... dann geht er fast so schnell weiter wie der Mann mit dem dunklen Mantel. Das unwillkürliche Fortspinnen von Situationen... eigentlich ist es eine alte Idee, aber das war der entscheidende Anstoß.
Und während der Mantelmann wenig später daheim seinen Kindern bei den Hausaufgaben hilft, sitzt Brunberg mit glühendem Gesicht vorm Laptop...

Der Conny kommt heim von der Arbeit. Ein letzter Blick zurück, niemand auf der Straße. Eigentlich überflüssig, aber besser ist es. Jetzt kann er die blöden Handschuhe ausziehen, an seiner Türklinke dürfen seine Fingerabdrücke sein, und zwar nur seine! Er zieht den Mantel aus, hat große Lust auf ein heißes Bad, war kein einfacher Job heute, aber der Conny ist ein Profi, darum wäscht er erst mal gründlich das Messer ab und bringt es wieder in seine kleine Holzwerkststatt im Keller, wo niemand solch einem Messer etwas Böses zutraut. Es hat auch nichts Böses getan. Es hat gearbeitet, und nun muss es sich ausruhen. Morgen wird ein harter Tag...
Jetzt kann der Conny in die Wanne sinken und sich entspannen. Er legt sich das "Mensch"-Album von Grönemeyer auf. Viele denken, man würde Rammstein hören oder Slipknot, wenn man getötet hat. Aber es gibt doch auch ein Leben außerhalb der Arbeit! Manchmal, wenn es besonders schwer war, legt sich der Conny sogar Joan Baez oder Mozart auf. Wie neulich, als er diesen dicken, schwerreichen Alten erledigen musste und vor lauter Fett ewig keine Schlagader traf. Was hatte der gewinselt und ihm Unmengen Geld angeboten, der Conny hätte heulen können, weil er einen so schlechten Deal gemacht hatte, aber ein Ehrenmann und Profi steht zu seinem Vertrag.
"Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet..." Ist das schön, so ein zufriedener Feierabend, das warme Wasser und dieses melancholische Lied machen ihm eine Gänsehaut. Die Kleine, die er vorhin erledigt hat, hatte ihren Raum eher mit Rotlicht geflutet. War bestimmt auch ein nettes Mädchen, nur offenbar unglaublich naiv. Hatte erst in einem großen Bordell gearbeitet, dann in einer angemieteten "Dienstwohnung" weiter für Mambo, ihren alten Chef. Hatte irgendwann ihre Schulden abbezahlt und wollte angeblich aussteigen, machte aber heimlich auf eigene Faust weiter, und das auch noch im gleichen Stadtviertel, also ihrem alten Revier. Mambo hatte sie mehrfach verwarnen lassen, einmal hatte sie sogar ein bezahlter Russe blutiggeprügelt, aber sie hatte einfach eine andere Wohnung genommen und meinte, nun sei alles gut. Da sie nicht der einzige Fall war, wollte Mambo ein Zeichen setzen und rief den Conny an. Der Conny machte einen moderaten Preis, weil er Mambo noch einen Gefallen schuldete.
Nach dem Bad macht sich der Conny ein Bier auf und holt sein Buch aus dem Versteck. Dieses Versteck ist so geheim, daß wir es hier auch nicht verraten können, denn wenn dieses Buch mal jemand finden sollte, dann kann der Conny sein Testament machen. Denn dann wird er nicht nur für immer in den Kahn gehen, da drin werden die gedungenen Freunde von all den Mambos dieser Welt ihn qualvoll verrecken lassen, da auch diese in Connys Buch vorkommen, und nicht zu knapp. Trotzdem ist es nötig, in dieses Buch zu schreiben, wenn man nicht schlecht träumen will nach der Arbeit. Ist es aufgeschrieben, ist es Vergangenheit, ist es Geschichte, es ist einem abgenommen wurden vom Weltgeist, welcher kein Gott ist und darum nicht bewertet, nur bewahrt.
Der Conny schreibt:

Harter Tag heute, bin froh, dass es vorbei ist. Mambo hatte gedrängelt, ich solle hinmachen. Also habe ich Dora angerufen, einen Termin ausgemacht. Kam hin, klingelte vergeblich, war noch irgendein Typ drin, sehr unprofessionell! Ging noch auf ein Bier in den "Pferdekopf", dann probierte ich es wieder, und sie machte auf. Hübsches Mädel um die dreißig, etwas mager, aber irgendwie süß, schade drum. Ihre Bude ist ziemlich versifft, scheint nicht so toll zu laufen mit ihrer Scheinselbständigkeit. Ich gebe ihr das Geld für eine halbe Stunde, man soll nicht an der falschen Stelle sparen. Sie geht ins Bad, sich frisch machen, ich ziehe nur den Mantel und den Pullover aus. Das ganze Ritual, das sich Mambo vorgestellt hat, finde ich widerwärtig und zudem unangemessen. Er wollte, dass ich sie beim Ficken aufschlitze, und zwar so, dass sie nicht gleich tot ist und vor Angst halb wahnsinnig wird, ehe es zuende geht. Was soll der Quatsch? Sie ist nur ein bisschen dumm und hat sonst keinem was getan, hat nicht mal mehr Schulden bei ihm.
Sie kommt nackt aus dem Bad und lächelt müde, mit einer schnellen Bewegung werfe ich sie aufs Bett und schneide ihr sauber die Kehle durch, sie hat nicht gelitten, Gott ist mein Zeuge! Aber Mambo soll sein Blutbad haben, er wird in der Zeitung danach suchen, also schneide ich noch ein bisschen wahllos an ihr herum, steche in ihr linkes Auge, dann ist es aber wirklich gut, Freundschaftsdienst hin oder her! Dass ich mich dabei nicht besudle, versteht sich von selbst, bin schließlich nicht irgendein psychopathischer Triebtäter.
Ich sehe mich ein wenig um. Da liegt ihr Handy, auf Kurzwahl die Nummer des Bodybuilders, den sie anklingeln wollte, wenn es Ärger gibt. Ich schreibe sie auf, Mambo will sie haben. Vielleicht bringt das gleich einen Folgeauftrag. Nach dem Geld suche ich nur kurz und lustlos, keine überflüssigen Risiken, viel wird es eh nicht sein, außerdem soll in der Zeitung nichts von Raubmord stehen, damit das Signal an die Kolleginnen klar formuliert ist. In ihrem Schrank sehe ich neben allerhand Kosmetika und Kondomvorräten ein handbeschriftetes Buch. Das werde ich mitnehmen, es könnte Mambo interessieren, vielleicht rundet er dafür die doch recht eckige Summe etwas auf.
Ich habe noch Zeit, schließlich ist eine halbe Stunde bezahlt, und keiner soll mich für einen Schnellspritzer halten. Ich setze mich in einen Sessel - aufs Bett fände ich jetzt doch etwas pietätlos - und blättere in dem Buch, das sich als Tagebuch entpuppt, in das verschiedene Zettel, Bilder und Blätter eingeklebt sind.

Freitag, 26.4.02 Bin erst um elf aus dem Bett gekommen. War dann noch in der Stadt, ein paar Sachen einkaufen und neue Visitenkarten drucken und ein bisschen im Café rumsitzen. In der Anzeige steht zwar, dass ich ab 12 Uhr da bin, aber vor drei, vier Uhr kommt eh fast nie wer. Jetzt bin ich wieder hier und langweile mich. Seit ich hier Kabel habe, ist die Langeweile eher noch schlimmer geworden. Aber Lesen macht irgendwie keinen Spaß, wenn jeden Moment wer klingeln kann. - Erster Gast vorbei, dieser Bautyp. Ging schnell wie immer, also ok. Redet kein dummes Zeug, riecht nicht nach altem Schweiß. Außerdem verlässlich, kommt fast immer einmal die Woche, meist Freitag Nachmittag. Hab ihn neulich witzigerweise beim Einkaufen getroffen, mit seiner Frau. - Schreiben geht schon gar nicht, außer ein bisschen Tagebuch. Nur abends, nach der Arbeit. Aber ich mach es trotzdem wahr, ich werde Bücher schreiben, das war schon immer mein Traum, und jetzt, wo ich dieses miese Arschloch Mambo los bin, ist der Traum nähergerückt. Wenn man die drei Typen, die an manchen Tagen nur kommen, auf zwei Stunden zusammenlegen könnte, hätte man richtig gut Zeit... Jedenfalls habe ich schon mehr erlebt, über das ich schreiben kann, als all diese sogenannten Fräuleinwunder der Literatur, und mir fällt auch alles mögliche andere ein, das weder ich noch sonst irgendwer erlebt hat.
Vor drei Tagen habe ich nachts eine lustige kleine Geschichte in den PC getippt, ich war etwas betrunken, und so ist sie auch ein wenig wirr geworden, hab sie gestern noch mal durchgelesen und wusste nicht, wie ich sie finden soll. Hab sie mal ausgedruckt und klebe sie hier rein, dann geht sie mir nicht verloren.

Monströse Idylle

Ein dicker Spatz saß auf der Dachrinne und tschilpte. Aber der Geschirrspüler war kaputt. (Er war gar nicht wirklich kaputt, nur die Klappe war nicht richtig zu.) "Aber der Geschirrspüler ist kaputt!" sagten sie vorwurfsvoll zum Spatzen. Der tschilpte weiter. Spatzen interessieren sich nicht für Haushaltsgeräte, nur für die Krümel, die danebenliegen. Da kamen Leute mit Feuerwehrautos und wollten den Spatzen fangen oder evakuieren (die Befehlslage war nicht eindeutig). Es begab sich aber etwas zu der Zeit, mit dem niemand gerechnet hatte: Der Spatz flog weg.
Er flog auf eine Wiese, die dort früher nicht gewesen war, auf der stand der Bechsteinflügel von Glenn Gould (ohne Glenn Gould), und auf dem Bechsteinflügel saßen zwei Rosenköpfchen (das sind Zwergpapageien), die aber nicht wussten, dass es der Flügel von Glenn Gould war. Sie waren von zuhause weggeflogen, weil sie nicht länger Ziervögel sein wollten. Zumindest war das ihre offizielle Erklärung, in Wirklichkeit hatte ihre Besitzerin nur das Fenster nicht richtig zugemacht, und sie waren raus und fanden den Weg zurück nicht.
Die drei Vögel sprangen ins Innere des Flügels und zupften und rupften mit ihren Schnäbeln und Krallen an den Saiten. Da kam ein Kompositionsprofessor vorbei und war ganz entzückt über diesen neuen Klangeffekt, er wollte seine Studenten holen, damit sie es hörten und Stücke für drei Vögel an einem Flügel schrieben. Aber die BILD-Zeitung hatte wie immer zuerst Wind von der Sache bekommen, und so hatte, als der Professor wiederkam, schon ein Zirkusdirektor die Vögel eingefangen, um sie mit auf Amerika-Tournee zu nehmen.
"Der Geschirrspüler ist doch nicht kaputt!" jubilierte eine Stimme, doch der Spatz konnte sie nicht mehr hören, und es wäre ihm auch egal gewesen.

Wo hab ich denn nur die andere Seite? Ich hatte doch alles ausgedruckt! Naja, vielleicht ist das ja eh nicht das Debüt, das mir alle Türen öffnen wird.

Nein, vermutlich nicht, dazu ist es jetzt wohl zu spät. Es sei denn, Mambo entschließt sich, sie zu veröffentlichen, dann aber nur unter seinem Namen. Würde sie gern, der Vollständigkeit halber, wiederum in mein Tagebuch kleben, aber da wäre Mambo sicher sauer.

Der Conny holt sich noch ein Bier. So was wird er in Zukunft nicht mehr tun: im Tagebuch eines Auftrags lesen, das erschwert es zu sehr, innere Distanz zu wahren. Es wird noch soweit kommen, dass er sich Vorwürfe macht!

Brunberg lehnt sich zurück. Er muss kurz Pause machen, jetzt fällt ihm fast zuviel auf einmal ein, an jeder markanten Stelle sieht er schon verschiedene Verzweigungen für die Zukunft seiner Geschichte, so dass es ihm schwer fällt, dranzubleiben. Er zündet sich eine Zigarette an, nimmt ein Schmierblatt und notiert erst mal ein paar grobe Ideen, die Hälfte von dem, was ihm durchs Hirn geflattert war, ist natürlich schon wieder weg, macht nichts, es bleibt genug übrig.

Genauso werde ich es auch machen! sagt sich Albrecht und zündet sich ebenfalls eine Zigarette an. Ebenfalls ist gut, schmunzelt er, als gäbe es diesen Brunberg wirklich! Der Kaffee ist ein bisschen kalt geworden, er wärmt ihn in der Mikrowelle auf, wie eine alte Geschichte.

Ich muss kurz Pause machen und mir die Beine vertreten. Auf dem gelben Zettel steht, es muss eine Kurzgeschichte oder Short Story sein. Was ist da überhaupt der Unterschied? Ist das, was ich da mache, überhaupt sowas? Vielleicht hätte ich mal irgendwo nachlesen sollen, ob es da definierte Regeln gibt. Am Ende sortieren sie mich gleich aus, weil die Regeln missachtet habe. Na egal, dann verschenke ich die Geschichte zu Weihnachten. Obwohl, das ist noch lange hin, bis dahin gefällt sie mir bestimmt nicht mehr.
Am besten, ich mache mir jetzt keine Gedanken, für die es eh zu spät ist, sondern schreibe einfach weiter.

Aufgewärmter Kaffee schmeckt ähnlich fade wie kalter. Egal. Albrecht nimmt sein Schmierblatt, schreibt kreuz und quer ein paar Sätze und Stichpunkte darauf und verbindet sie mit Pfeilen...

...irgendwann bricht Brunberg ab, es ist kaum noch ein System zu erkennen auf dem Blatt. Zwei Dimensionen sind eindeutig zu wenig, um eine komplexe Handlung grafisch zu skizzieren. Er setzt sich an seinen Laptop und nimmt den Faden wieder auf.

Der Conny bekommt Hunger. Ein gutes Zeichen - er hat sich nichts vorzuwerfen. Wenn er hier fertig ist, wird er sich eine große Pizza holen und dann sehen, was im Fernsehen läuft. Pizza bringen lassen ist nicht - niemand soll unnötig mit seinem Namen und seiner Adresse konfrontiert werden.

Die kleine Dora - oder wie immer sie in Wirklichkeit hieß. Hatte geglaubt, dem Ganzen entfliehen zu können. Ich weiß besser als sonst irgendeiner, dass man das nie kann. Ich hab auch keine Lust, ewig so weiterzumachen, aber einfach aussteigen, das Geld nehmen und irgendwo neu anfangen? Vergiss es, die Mambos finden mich überall, ich weiß zuviel. Und selbst wenn die alle im Knast säßen, wären immer noch genug da, die nachrücken und wieder bei mir anrufen... Das Spiel hört nie auf, bis die Sonne explodiert.

Aber es ist egal, es ist ja eigentlich erst mal nur für mich. Auf keinen Fall werde ich mit irgendeinem Liebeskram debütieren. Ich weiß besser als sonst irgendjemand, dass das nur ein Spiel ist um Macht und Geld. Und auf den Huren-Lebensbericht habe ich schon gar keinen Bock. Schon eher was über solche finsteren Typen wie Mambo. Der würde vielleicht sogar wen umbringen, der ihm im Wege steht. Ach, hier ist ja die andere Seite...

In Amerika sind die Geschirrspüler immer ganz, sie laufen auch fast ständig, damit sich die Klimaanlagen nicht so einsam fühlen. Der Zirkusdirektor wird bei Präsident Bush jr. zu einer Privatvorstellung geladen. Das weiße Haus ist ganz leer, die anderen spielen alle Krieg, nur Monica Lewinsky ist da und räumt den Geschirrspüler aus, in dem sie auch ihr blaues Cocktailkleid gewaschen hat. Der angebliche Spermafleck ist immer noch da (in Wirklichkeit hatte ihr ein Spatz draufgekackt - nein, nicht der, ein amerikanischer Spatz). Der Präsident verurteilt sie in geistiger Abwesenheit zum Tode durch Abwaschen. Als letzten Wunsch verordnet er ihr eine Vorstellung des Zirkus, in dem die drei klavierspielenden Vögel auftreten sollen (sie hätte eigentlich lieber noch eine Zigarre geraucht).
Aber wo sind die Vögel? Einer plötzlichen Eingebung folgend sind sie nach Kanada geflogen, zum Anwesen von Glenn Gould, und finden ein angebissenes Käsebrötchen, das letzte, das der Meister essen wollte, aber mitten im Kauen entschied er sich, doch mal zu probieren, wie die Goldberg-Variationen rückwärts klingen. Es ist zum Glück ein Brötchen mit Körnern, das freut die Rosenköpfchen, dem Spatz ist es egal, aber Käse und Brötchenkrümel sind schon ziemlich klasse. Es war übrigens seine Idee hierher zu fliegen, er ist nämlich ein Kulturfolger.
Glenn Gould hatte offensichtlich keinen Geschirrspüler, oder es hat ihn schon jemand weggeschleppt.

Scheiße! sagt Brunberg, der Laptop hat sich aufgehangen...

Eines Tages kriegen sie mich sowieso, die einen oder die anderen...

Jetzt bin ich mir fast sicher, dass das, was ich hier mache, formal überhaupt nicht geht...

Besser ich mache mir einen neuen Kaffee und schütte den Mist hier weg...

Wäre doch schade, wenn so ein harmloser Pizzamann wegen Connys Unachtsamkeit weggeräumt werden müsste...

Wenn es Wichser-Mambo dann zu lesen kriegt und sich vor Wut aufbläst...

Plötzlich kommt eine dicke grüne Wolke und hüllt das Gould - Anwesen ein...

Na egal, der letzte Abschnitt war vielleicht auch ein wenig zu abstrus für die "Fans"...

Bis dahin werde ich mich eines von fast keinerlei Sorgen überschatteten Daseins erfreuen...

Aber es ist zu spät, um noch mal neu anzufangen...

Vielleicht lege ich mir noch ein wenig Musik auf...

Dafür gäbe es eh kaum Kohle...

Was für eine wunderbare Vorstellung...

und aus der Wolke tritt der Geist von Richard Wagner...

den haue ich eh besser gleich weg...

abtreten muss jeder irgendwann...

also ziehe ich das jetzt durch, als müsste es so sein...

vielleicht die Goldberg-Variationen?...

weil es nicht mal ein kleiner Fisch, sondern geradezu Plankton wäre für Mambo...

wie Arschloch-Mambo vor Wut sein Edelaquarium zertrümmert!...

...und ruft: Was ist denn das für ein Durcheinander hier?! Der Spatz fliegt erschrocken von dannen und kracht in der grünen Wolke fast gegen einen Baum; die Rosenköpfchen, von denen man aufgrund der Grünheit der Wolke (lies nach bei Heidegger) nur die roten Köpfchen sieht, lassen sich nicht beeindrucken und bauen aus eigens dafür zerraspelten Notenbüchern ein Nest im Notenschrank. Sie hätten lieber den Bechstein-Flügel genommen, aber wie wir alle wissen, steht der ja woanders.
Wagner wollte sich eigentlich von Glenn Gould dessen Wagnertranskriptionen vorspielen lassen, merkt aber jetzt, dass er zu spät kommt; es ging nicht eher, weil er an einer neuen dreiwöchigen Oper schrieb, die von vorn bis hinten durchkomponiert ist und deren harmonische Spannungen sich erst, nach Tausenden von Trugschlüssen und Hunderten Reisen durch den Quintenzirkel, auf dem allerletzten Akkord nach C-Dur auflösen. An dieser Stelle fällt Odin tot vom Baum, und der Geschirrspüler gibt den Geist auf.

Hätte nicht gedacht, dass mir mein abgebrochenes Musikwissenschaftsstudium noch mal zu was nütze ist. So, ich mach erst mal Schluss, nachher kommt noch irgendein Typ, der eine feste Zeit ausmachen wollte. Mal sehen, ob, wie fast immer in solchen Fällen, kurz davor noch jemand spontan klingelt, nachdem den ganzen Tag vorher tote Hose war.

Was solls, die Geschichte ist gegessen, niemand musste unnötig leiden, alle sind zufrieden, bis auf mich, da ich noch kein Geld gesehen habe. Wird schon, Mambo ist zwar ein cholerisches Arschloch, aber zuverlässig.

Der Conny trinkt sein Bier aus und verschließt beide Bücher sorgfältig in seinem unsagbar geheimen Versteck. Er verlässt die Wohnung fast lautlos, es regnet und die Straße ist beinahe menschenleer.
Wagner wollte sich eigentlich von Glenn Gould dessen Wagnertranskriptionen vorspielen lassen, merkt aber jetzt, dass er zu spät kommt; es ging nicht eher, weil er an einer neuen dreiwöchigen Oper schrieb, die von vorn bis hinten durchkomponiert ist und deren harmonische Spannungen sich erst, nach Tausenden von Trugschlüssen und Hunderten Reisen durch den Quintenzirkel, auf dem allerletzten Akkord nach C-Dur auflösen. An dieser Stelle fällt Odin tot vom Baum, und der Geschirrspüler gibt den Geist auf.

Brunberg bemerkt Hunger in seinem Bauch, er hat von Pizza geschrieben, jetzt will er auch eine haben. Aber weggehen muss er nicht, er ist gerade gut im Fluss, und - er muss schmunzeln - ihn stört es nicht, wenn der Pizzamann seine Adresse kennt. Da müsste er schon sehr berühmt sein, und dann würde er keine solche Pizza mehr essen.

Albrecht stellt die Musik wieder aus. Wunderbar, aber gerade die Einspielung von Gould kann man nicht nebenbei hören, und jetzt ist Schreiben angesagt. Er verspürt das Bedürfnis, sein Klo aufzusuchen. Da es ein längeres Geschäft zu werden droht, nimmt Albrecht seinen Schmierzettel und einen Stift mit.

Hm. Komischer Schluss. Obwohl - vielleicht ist es gerade das? Der abschließende Gang aufs Klo - eine Metapher für die Vergänglichkeit der Welt und allen Strebens? Eine Allegorie auf unsere wertfreie Konsumgesellschaft am Ende, die nichts als Scheiße hinterlässt? Ein koprophiler Totengesang auf die repräsentative Demokratie?
Ok, gekauft, machen wir Schluss für heute, morgen les ich mir alles noch mal durch, heute Abend rette ich eh keine Welt mehr durch bessere Formulierungen.

Yvo Zernagel tanzen die Zeilen vor den Augen, er muss aufstehen und ein Glas Wasser trinken. Sein Projekt droht, ihn zu überfordern, er hat Schwindelgefühle. Erschöpft und frustriert sinkt er wieder auf den Stuhl. Er kann jetzt nicht weitermachen, muss sich erholen. Leider hat er den Verdacht, dass es nach der Pause nicht besser gehen wird - er hat sich festgefahren. Zernagel verlässt die Wohnung, seine Füße gehen von allein dahin, wo er immer hingeht, wenn er zutiefst frustriert ist; dass er beim Graben nach dem Taschentuch sein Handy verliert, merkt er gar nicht.
Zernagel ist Musikkritiker, ist seit langem fasziniert von den komplexen Montagetechniken des Komponisten Robert Winkelheide. Schichten über Schichten, und doch alles irgendwie durchsichtig und logisch, dann diese irrwitzige Lust am Versteckspiel und an scharfsinnigen Andeutungen und Zitaten! Da Zernagel für den Beruf des Musikkritikers in Anspruch nimmt, Musiker UND Literat zu sein, hat er sich in das Vorhaben verbissen, Winkelheides Kompositionstechnik in die Literatur zu übertragen. Ihm ist klar, dass er nicht gleich einen riesigen Roman in Angriff nehmen darf, darum wollte er mit einer ganz kleinen Form beginnen, entweder als technische Übung, oder, wenn der Ansatz gut sein sollte, die Idee immer weiter ausbauen. Nun hat er das Gefühl, dass ihm schon der ganz kleine Anfang völlig missraten und aus dem Ruder gelaufen ist; wo Winkelheide in seinen genialen Finali alle Fäden aufgreift und zu einem unbeschreiblichen Höhepunkt führt oder auch barbarisch abstürzen lässt, läuft bei ihm alles kraftlos ins Leere...
Wenn Yvo Zernagel frustriert ist, besucht er Dora. Dora ist ein nettes Mädchen, sie ist preiswert, fragt nicht viel und tut ihm gut. Normalerweise ruft er vorher an, aber er hat das Gefühl, wenn er das jetzt tut, ist sie garantiert nicht da.
Auf sein Klingeln keine Reaktion. Die Haustür ist offen, er geht hoch, klopft. Ihm ist es jetzt egal. Er weiß, dass Doras Tür nicht richtig schließt, wenn sie nicht verriegelt ist. Er drückt vorsichtig auf, tritt ein. Mattes, rotes Licht, ein merkwürdiger Geruch. Am Tisch sitzt mit gleichgültiger Miene ein sehr kräftiger, großer Mann vor einem aufgeschlagenen Buch. Auf dem Bett liegt der Rest von Dora in einem See von Blut. Zernagel versteht, versteht plötzlich ganz vieles auf einmal, vielleicht mehr, als er in seinem ganzen Leben je verstanden hat. Es fühlt sich an wie der glücklichste Augenblick seines Lebens, wie eine himmlische Offenbarung, als ihm Connys Messer in die Eingeweide fährt und ungerührt Doras Blut mit seinem vermischt.

(Nachspiel auf der Dachrinne: Der Spatz hatte alles nur geträumt.)

Katzer

"Soldat Katzer zum UvD", ruft es auf dem Flur.

Katzer sitzt auf dem Klo. Die Klotür ist nicht verschließbar, damit die Soldaten nicht onanieren. Vom Waschraum her kann Katzer hören, wie Soldaten ihre Schutzanzüge reinigen und dabei lautstark von gewesenen Besäufnissen und Beischläfen träumen.

Unteroffizier vom Dienst ist heute Dodendorf. Die Panzerfahrer sind entspanntere UvDs, weil sie keine Untergebenen haben, also kann Katzer sich Zeit lassen. Was auch nötig ist: Beim Waffenreinigen wird viel türkischer Kaffee konsumiert und viel geraucht (gereinigt wird nur, wenn ein "Sack" vorbeikommt), und da verträgt so ein Geschäft keine Hast...

"Du sollst dich bei Major Stöver in Block 23 melden." Dodendorf lehnt gelangweilt am UvD-Tisch und grinst: "Mußt wohl wieder singen gehen."

Draußen ist es naßkalt und windig, doch man kann den Frühling riechen. Eigentlich ist er lange da, es ist Ende Mai, aber der Februar will dieses Jahr wohl der längste Monat sein. Die Soldaten, die Katzer entgegenkommen, gucken verkniffen, da es sie erbärmlich friert in der befohlenen Sommeruniform. Singen gehen sagen die anderen immer, wenn er mit Stöver, dem Kulturmajor, zu tun hat. Katzer spielt Bass in der Regimentsband, aber offiziell heißt es "Singegruppe", und darum sagt auch sein Kompaniechef "Katzer muß wieder singen gehen" und meint vermutlich, daß dies etwas Lächerliches, weil Unsoldatisches, ist. Mit diesem Image hat Katzer kein Problem, solange ihm niemand dieses kleine Refugium wegnehmen will.

Da er als einziger so etwas wie theoretischen Durchblick in Musik hat, ist er von Stöver zum Leiter bestimmt worden. Was natürlich kein "Posten" ist, Katzer ist ganz normaler "Sandlatscher" und geht nach Dienstschluß in den Probenraum. Sein Vorteil ist, daß ihn ein sogenannter Probenbefehl von Sonderdiensten wie Wachestehen freistellt. Theoretisch. Denn die Offiziere und der Spieß wissen, wann Stöver nicht da ist, und dann wird Katzer gezeigt, "daß er nichts Besseres ist als die anderen Genossen".

Stöver zieht sich gerade um, steht in Rot-Gelb vor Katzer: "Ich finde es beschämend, wie viele Stabsoffiziere sich vor dem Offizierssport drücken", schnauft er. "Katzer, melden Sie sich bitte im Regimentsstab, Hauptmann Fichtner möchte Sie sprechen!"

Katzer wundert sich. Warum schickt man ihn nicht gleich zu diesem Fichtner, und wer ist das überhaupt?

Im Regimentsstab erfährt er, daß er in die oberste Etage muß. Sitzen da nicht die, die am Kontrolldurchlaß immer verstohlen ihren "Klappfix" vorzeigen, die MfS-Offiziere?

Katzer hat ein ungutes Gefühl im Magen.

Hauptmann Fichtner, ein etwas beleibter Mittvierziger mit rötlichem Gesicht, empfängt ihn überaus freundlich, verzichtet auf Formalitäten und Strammstehen. Selbst die "Politischen", quasi Militärseelsorger und Inquisitoren in Personalunion, sind in diesen Dingen genauer, auch Kulturmajor Stöver. Katzer darf sich setzen und rauchen, wenn er möchte. Eigentlich möchte er gar nicht, geniert sich jedoch abzulehnen.

"Major Stöver hat sie zu mir geschickt", beginnt Fichtner gutgelaunt, "weil Sie die Regimentssingegruppe leiten. Ich weiß, daß er Sie für sehr fähig hält."

Jetzt ist Katzer sogar ein bißchen stolz, denn allzuoft passiert es hier nicht, daß man ihn besonderer Fähigkeiten bezichtigt.

"Sie haben ja kürzlich unter den Neueinberufenen drei neue Mitglieder ausgewählt. Sehen Sie, wir wollen uns da auf keinen Fall einmischen, Sie sollen sich Ihre Leute selbst aussuchen, immerhin können Sie am besten beurteilen, wer dafür geeignet ist. Es sind nur eben ein paar dabei, die wir vom MfS... auf die wir sozusagen ein wenig ein Auge haben. Haben müssen, aus verschiedenen Gründen. Verstehen Sie mich nicht falsch, Genosse Katzer, diese Leute sollen in Ihrer Gruppe bleiben, wenn sie dafür talentiert sind, wir möchten im Gegenteil verhindern, daß irgendwann mal etwas... schiefgeht und wir Maßnahmen ergreifen müßten, unter denen dann die ganze Sache leidet. Es wäre gut, wenn Sie uns helfen könnten, dem vorzubeugen."

Fichtner zieht an seiner Club und sieht Katzer an, ebenso durchdringend wie aufmunternd. Katzer weicht dem Blick aus und erblickt in einer Wandnische einen Kassettenrecorder, kann aber nicht sehen, ob er läuft.

"Ich bin mir sicher, daß Sie uns helfen können, ohne großes Aufsehen zu erregen." Er bläst den Rauch aus, seelenruhig, fast vergnügt. "Es muß ja niemand wissen, wissen Sie?"

Fichtner blinzelt Katzer kumpelhaft zu und torpediert dessen Versuche, schnell zu denken, mit der Frage:

"Sie waren mit ihrem Schulchor 1987 zweimal in der BRD, richtig?"

Katzer nickt. Ja, er durfte zweimal mitfahren damals, nach Bonn und ins Saarland, er galt wohl als zuverlässiger, als er gedacht hätte. Es gab trotz straffem Zeitplan und mäßiger Bewachung einiges zu sehen, und er gab natürlich das meiste von seinem Verpflegungsgeld für Platten aus. Er war Zwölfte, und Anja Ring schon ein Jahr aus der Schule raus ...

"Sehen Sie, Sie hatten das Privileg, etwas mehr von der Welt zu erleben als so mancher Ihrer Mitstreiter, und ich bin mir sicher, daß Sie klug genug sind, was Sie gesehen haben, richtig einzuordnen... Sie können sich vermutlich schon denken, welche Genossen ich im Auge habe?"

"Ich... glaube schon."

Katzer dehnt den Satz, um Zeit zu gewinnen. Natürlich weiß er, um wen es sich handeln dürfte. Andreas Schigala, Stabskoch im 2. Bataillon und im normalen Leben Straßenmusikant mit Vorliebe für Mittelalter und Eulenspiegelsche Streiche. Ein asoziales Element nach Staatsdiktion. Bert Wittow, ein Mann mit normalem Berufsleben, in seiner Freizeit Bluesmusiker, durch das Verfassen systemferner deutscher Texte bereits auffällig geworden. Norbert Schnoor, ein bisher augenscheinlich eher harmloser Geselle, dessen Vergehen in seinem starken kirchlichen Engagement bestehen dürfte. Soweit die drei Neuzugänge, um die es wohl hauptsächlich geht. Dann wären da noch Hendrik Staub und Jörg Rosental, die der Punkszene nahestehen, ersterer zumindest auch ein Verfasser gewagter Liedtexte.

"Ja, sehen Sie, Sie wissen schon, worum es mir geht. Und wo wir einmal dabei sind, auch auf Ihrer Kompanie sind ein paar solcher Kandidaten, auf die wir gerne ein Auge hätten, um gewisse Probleme von vornherein zu vermeiden. Wir dürfen ja bei allem Verständnis nicht vergessen", hier stellt Hauptmann Fichtner schnaufend sein Koppel etwas weiter, "daß wir hier mit der Verteidigung des Friedens befaßt sind, Genosse Katzer."

Christian Krug, in der Ökoszene aktiv. Soldat Richter (seinen Vornamen hat Katzer vergessen, vermutlich, weil er ihn nicht mag), irgendwelchen höheren katholischen Kreisen sehr nahe, weiß dies erstaunlicherweise auch hier zu seinem Vorteil zu nutzen, hat angeblich sogar Prozesse angedroht...

"Ich meine ja nur", wendet Katzer ein, "der Krug ist ja kein Staatsfeind, er setzt sich halt für die Umwelt ein, das ist ja doch grundlegend nichts Verkehrtes... Wittow und Staub mit ihren Texten, mag sein, daß da manches unausgegoren ist, aber das sind Leute, die sich Gedanken machen, das sind doch keine... keine Umstürzler! Und Schnoor, das ist ein ganz sanfter Mensch, der würde... heißt es nicht immer, daß Kommunismus und Christentum manches gemeinsam haben... na und Schigala, ich meine..."

Fichtner schmunzelt väterlich: "Genosse Katzer, ich habe nichts anderes erwartet, als daß Sie sich für Ihre Leute einsetzen! Sie dürfen mich nicht mißverstehen: Ich unterstelle niemandem, ein Staatsfeind zu sein. Aber wir beide wissen doch ganz genau, wie von gewissen Kreisen der Idealismus, manchmal auch der verblendete, junger Menschen benutzt wird... Natürlich ist nichts an Umweltschutz oder an christlicher Nächstenliebe auszusetzen, ich persönlich habe auch nichts gegen einen Staßenmusiker, solange er keine kriminellen Taten begeht. Aber, wie gesagt, wir sind hier in einer besonderen Situation, unser Kampfauftrag ist zu gewährleisten und unser guter Ruf zu wahren... Stellen Sie sich nur einmal vor, einer der Genossen fängt auf einer öffentlichen Veranstaltung Ihrer Singegruppe plötzlich an, ohne Absprache mit Ihnen einen seiner provokanten Texte vorzutragen, Sie, Katzer, sind es letzlich, der die Verantwortung dafür hat..."

Sie sind fast alle da im Probenraum, unter anderem fehlt Dietrich Bruder, was ganz gut ist, denn Dietrich ist Kandidat der Partei. Katzer mag ihn sehr gern, aber er ist nicht sicher, wie weit er ihm in dieser Sache vertrauen kann.

Katzer drängt es, die anderen zu informieren. Er hat eben etwas getan, wovon er nicht weiß, ob es verdammt schlau oder einfach nur saudumm war, auf jeden Fall versteht er eigentlich überhaupt nicht, wie es dazu kommen konnte. Zumal ihn sein eigener Vater vor Jahren vorgewarnt hatte.

Katzer hat sich ein Schreiben diktieren lassen und eigenhändig unterschrieben, aus dem hervorgeht, daß er das Ministerium für Staatssicherheit während seiner Armeezeit freiwillig durch Informationen unterstützen wird. Er hatte, vermutlich zu recht, angenommen, daß, wenn er nein gesagt hätte, der nächste gefragt worden wäre, bei dem man dann nicht mehr wüßte, ob er nicht wirklich schnüffelt und petzt. Er hätte gern ein bißchen mehr auf Zeit gespielt, wurde dann aber zur Unterschrift gedrängt. Noch hat er das Gefühl, daß er jederzeit alles rückgängig machen kann.

Auf jeden Fall hat er das dringende Bedürfnis, denen, die er bespitzeln soll, von all dem zu berichten, zumindest hier in der "Singegruppe". Auf der Kompanie wird er sich genau überlegen müssen, wem er sich offenbart, immerhin hat er sich selbstverständlich zum Stillschweigen verpflichten müssen.

Staub raucht wie immer seine Karo. "Ist vielleicht gar nicht so schlecht, wenn du es offiziell machst, dann haben die das Gefühl, sie haben alles unter Kontrolle."

"Und wir bekommen möglicherweise mit, wann irgendwelcher Streß bevorsteht", ergänzt Rosental.

Werner, der einzige Unteroffizier in der Runde, ist Feuer und Flamme: "Wir können uns doch jede Woche irgendwelche Berichte für dich ausdenken", schlägt er vor. "Das wird total lustig, ein bißchen James Bond spielen, wunderbar gegen die ewige Langeweile hier."

"Eben, vor allem, wenn man noch 600 Tage hat", stichelt Wittow.

"Und wenn die wissen wollen, was Hendrik für subversive Texte schreibt, dann schreiben wir denen eben ab und zu ein paar schöne Pseudo-Texte", schlägt Rosental vor. Hendrik Staub fallen sofort ein paar passende Zeilen ein, alle biegen sich vor Lachen.

"Die wollen sowieso einen haben, wenn du es nicht machst, muß der nächste hin, oder die schmeißen ihre Kandidaten hier raus", spricht Schnoor aus, was Katzer zu seiner eigenen Rechtfertigung die ganze Zeit zwischen den Hirnzellen hin und her bewegt.

Damit ist das Thema beendet, und man ergötzt sich an den guten Dingen, die Schigala aus der Offiziersküche beiseite geschafft hat.

Einige Tage später ist Katzer UvD-Gehilfe im Regimentsstab (Stöver war mal wieder nicht da), was bedeutet, daß er dem Offizier vom Dienst den Laufburschen machen muß, und das ist heute zu allem Unglück sein eigener Kompaniechef, Oberleutnant Gabrowski. Dieser ist ihm nicht sonderlich gewogen, seit Katzer vor anderen Soldaten dessen schiefen Gang überzeugend imitierte, als Gabrowski gerade von der gegenüberliegenden Seite den Kompanieflur betrat.

Es ist nicht viel los, seit Katzer dem Oberleutnant das Mittagessen rantragen durfte. Meist schreibt Katzer in solchen Stunden seine Post, heute so was Ähnliches, quasi einen fiktiven Brief...

Anja Ring, eine Klasse über ihm, hatte seine ganze Oberschulzeit über sein Innenleben sehr beschäftigt. Zum Schluß waren sie gute Freunde gewesen, aber alles weitere wollte irgendwie nicht gelingen. Wenn er Anja schreibt, kann er freilich nur einen Bruchteil dessen zu Papier bringen, was er denkt, wenn er an sie denkt. Daher schreibt er machmal solche Briefe, in denen steht, was er alles gern mit ihr anstellen würde, soweit das seine Vorstellung hergibt, allzuviel Derartiges hat in seinem 19jährigen Leben nämlich noch nicht stattgefunden. Immerhin kann man so seine erotische Fantasie ein wenig vor der Verkümmerung bewahren, die bei monatelangem ununterbrochenen Kasernenleben unausweichlich droht.

Natürlich würde er sowas nie abschicken, aber es tut gut, die Elaborate ab und zu selbst zu lesen, ganz zu schweigen vom Kick, den das Ausdenken und Aufschreiben hervorruft...

"Na Katzer, ein Liebesbrief fürs Mäuschen?!" wird er jäh aus der Vorstellung, sich in allen ihm bekannten Varianten in und über Anja Ring zu ergießen, herausgerissen. Grabowski hält den Brief in der Hand und grinst. Katzer wird knallrot.

Grabowski tut, als würde er lesen, pfeift durch die gelblichen Zähne und gibt Katzer den Brief wieder. "Wolln mal nicht so sein, hähä... Katzer, sehn Sie mal nach, ob im Außenrevier Kippen liegen, der Kommandeur kommt in ner Viertelstunde..."

Katzer hat ein paar Flaschen Braunen reingebracht, von einem Auftritt mit der Band. Eigentlich hat er es immer möglichst vermieden, um sein Refugium nicht aufs Spiel zu setzen, aber die "Genossen" auf der Stube hatten ein bißchen gedrängelt, und er will keinen Neid, weil er öfter raus kann als die anderen. Vier von ihnen sitzen noch, schon ordentlich blau, die anderen schnarchen bereits. Katzer liegt seine Stasigeschichte auf der Seele, der Braune löst die Zunge, er erzählt davon. Eddi Bitter, konkurrenzlos der geistige Tiefflieger der Stube, wenn nicht der ganzen Kompanie, kommentiert das Gehörte mit irgendwelcher völlig unpassenden Grütze. Katzer ist sauer auf sich selbst, daß er in Gegenwart dieser Flachzange ausgepackt hat, wer weiß, wem der es wie weitererzählt... Erstmals kommt ihm der Gedanke, daß er sich in etwas begeben haben könnte, dem er nicht gewachsen ist.

Tags darauf hat er Post von seinen Eltern. Nächstes Wochenende will er heimfahren, Kurzurlaub. Als an der frischen Luft auf dem Weg zum Schießplatz sein Kater verfliegt, beschließt er, daß er sich bis zum Urlaub das Problem vom Hals geschafft haben muß.

Hauptmann Fichtner ist sichtlich begeistert, daß Katzer schon zum dritten Termin aus eigenem Antrieb kommt, wittert Neuigkeiten. Als Katzer ihm eröffnet, daß er es sich doch anders überlegt hat (als offizielle Begründung hat er sich ausgedacht, daß er sich nicht zutraut, das vor den anderen geheimzuhalten, was letztlich ja nicht mal gelogen ist), gefriert dem Hauptmann das Lächeln. Er knurrt Dinge wie: weniger Ehre im Leib als ein Hilfsarbeiter, nie wieder ins westliche Ausland reisen dürfen, kontrollieren, ob Katzer niemandem was erzählt, nein, das Schriftstück bekommt er natürlich nicht wieder, das (süßsaures Lächeln) gibt's bei keinem Geheimdienst der Welt; dann ist Katzer entlassen.

Katzer kann regelrecht spüren, wie ihm der Riesenbolide zentimeterweise vom Herz rutscht. Der kleine Stolz, noch so gut rausgekommen zu sein, überdeckt sogar weitgehend die Scham, sich überhaupt eingelassen zu haben.

Manchmal scheint auch über der Kaserne Stern-Buchholz eine so gnädige Frühlingssonne, daß man heulend die Welt umarmen könnte...

Als die nächste Ladung Goldsiegel Spezial angestochen wird, schießt sich Katzer derart die Lichter aus, daß er, was in seinem Leben einmalig bleiben wird, seine Bettwäsche vollkotzt, und daß die Spatzen sich noch am nächsten Nachmittag, wenn Katzer wieder halbwegs bei Sinnen ist, an seinem alkoholgetränkten Auswurf auf dem Fensterbrett des Waschraums laben werden...

Katzer erwacht mit unangenehmem Geschmack im Mund, seine linke Stirnhälfte schmerzt und die rechte Hand ist taub, weil er drauf gelegen hat. Er richtet sich auf und schaut auf den Wecker. Halb elf schon. Um zehn hatte er Termin im Arbeitsamt. Was solls, kommt er eben wieder mal zu spät.

Cola-Weinbrand kurz vorm Schlafengehen scheint ihm schlecht zu bekommen (ist aber effektiver als Bier), er wacht meist mit Kopfschmerzen auf und erinnert sich dunkel an unangenehme Träume. Diesmal war wohl mal wieder die leidige alte Stasi-Geschichte bei der Armee dran.

Warum er von dem Mist immer wieder träumt, fragt er sich, erstens hat er letztlich ja wirklich nichts gemacht, zweitens ist es über zehn Jahre her, und außerdem, es interessiert kein Schwein, wenn man eh keine Arbeit hat.

Katzer quält sich raus (Ich bin ein Optimist, es wird ein guter Tag...), schaltet den Fernseher an und geht ins Bad, läßt die Türe offen. Beim Zähneputzen hört er Auszüge aus der Talkshow zum Thema "Mein Freund onaniert". Rasieren fällt aus, weil Kopfschmerzen. Duschen dito, zu anstrengend. Beim Anziehen (kurz weitergezappt) ein neues Selbstmordattentat in Tel Aviv, die bluttriefenden Bilder entgehen ihm, da er gerade kopfschonend langsam den Pullover überstreift. Beim löslichen Kaffee (Küche, im Stehen) bruchstückhafte Informationen über das umwerfend neue Sheba für die gelangweilte Gourmet-Katze.

Kaffee schmeckt scheiße, stehenlassen. Jacke über, besser zu spät auf dem Amt als gar nicht. Man läßt sich ja schließlich nicht gehen.

Fernseher vergessen auszuschalten, egal, jetzt schließt er nicht nochmal auf!

Während Katzer bleichen Stoppelgesichts, augenberingt, das Haus verläßt und noch nicht weiß, daß ihm heute eine Arbeitsbeamte, die ihn an seine Kindergartentante erinnert, widerwillig aufgrund seines Aufzugs, eine Arbeit anbieten wird, die er annehmen und nach zehn Tagen wieder hinschmeißen wird, spricht auf dem Bildschirm der heimgekehrte Sohn, Mirko Wosinski, ex- und wieder- Moderator im Öffentlich-Rechtlichen, gestolpert über seine umfangreiche IM-Tätigkeit zu Armeezeiten, doch, oh Wunder, in Gnaden wieder aufgenommen, um den finanziellen Schaden zu begrenzen, und er strahlt und bedankt sich, der Mirko, er habe immer für differenzierte Beurteilung plädiert und auch nur das Beste gewollt, natürlich niemandem geschadet; nun haben sie ihn wieder, die Schwiegermütter dieser Nation...

Katzer wird es im Arbeitsamt lesen, beim Warten (Strafe muß sein), in einer liegengebliebenen, fettfleckigen BILD-Zeitung.


Gedichte
Adam E.

Singst du ein Lied,
Stünde dir Schweigen
Viel besser zu Gesicht.

Gott strafte Kain
Ganz ohne Grund.
Ein Recht gab es noch nicht.

Jede Sekunde
Ein Geschenk von mir,
Weil ich sie dir nicht nahm.

Ich blas eine Feder
Von meiner Hand
Vom Vogel, der entkam.

Verborgenheit

Und in den Augen
Verjährt die Finsternis
Der vergessenen Jahre:
Nie sollst du mich erkennen,
Nie meine Innenwand streifen.
Im frischen Asphalt Hufabdrücke
Und Fossilien:
Nie sollst du meine Spur finden,
Nie meine Tür
Mit deinem Blick entweihen.
Und hinter den Fenstern
Zwischen Gardinen,
Die seit Menschengedenken
Keine Hand mehr beiseite schob,
Erblühen Spinnweben
In der Abendsonne,
Erglüht die ausgetrocknete Tasse Tee
In der Hand des Toten.

Lichter

Ich habe ein Lächeln im Schrank,
Das fürchtet sich nicht,
Wenn keiner es aufweckt.
Ich gehe eine Stunde in die Sonne
Und verbrenne mich rituell,
Um den Göttern
Für meine Blindheit zu danken.
Ich blase die Kerzen aus,
Der Duft, wenn sie vergehen,
Ist wie ein süß betäubendes Leichentuch,
Darin man die
Seelengespinste konserviert.

Sonnenstaub

An welchem Ariadnefaden
Von einem reißfesten Artistenseil
Hängt dein Lächeln,
Das so sterblich ist
Wie eine Goldfliege
Im Lande Arachnophobien,
Wie dieses Fenster,
Das die Sonne auf deine Augen filtert,
Sechs Minuten vor der Abrißbirne,
Wie Odysseus
Oder jeder andere Zweiäugige
In der Höhle des Zyklopen;
Wie spinnt es mich ein,
Wie hüllt es mich in jungfräuliche Tücher,
Wie behängt es mich mit Sehnsucht
Nach dem Leben der Träume,
Für deren Durstenlassen
Mich meine Kinder hassen werden,
Wie wirft es bunte Vögel in die Luft
Und schickt sie um die Welt,
Wo sie sich glücklich verlieren.

Blue‘n‘White

Sonntagabend
Füllt das leergewohnte Herz
Sich selig mit süßem Gift
Und südlichem Rotwein,
Der langsam zu Boden tropft
Im hermetischen Raum
Und den salzigen Boden entkrustet.
Draußen, vorm Fenster
Dreht sich die Sonnengöttin
Am Vertikalseil,
Obwohl es fast Nacht ist,
Verschenkt Schönheit
An die Blindseinwollenden
Und, aus dem Augenwinkel,
Hoffnung an den Hüter des Dunkels.
Durch ein Loch in der Nacht
Stehlen sich Wünsche in die Welt,
Die unnütz sind
Und wunderbar.

Beziehungsgespräch

So solltest du nicht von mir gehen
Die Haare wirr vom Sturm aufs Ich
Der Mund - ein eingefrorner Strich
Die Stirn - ein Acker, zorngepflügt
Die Augen seeschlachtenbekriegt
Gerötet vom ins Nichts zu sehn
So solltest du nicht von mir gehen

So will ich hier nicht übrig bleiben
Das Herz - ein fast beräumtes Haus
Die Hände - ein verwelkter Strauß
Das Hirn - ein grauer Kerkerbau
Die Lenden - eine Leichenschau
Ein Strafbefehl, es zu beschreiben
So will ich hier nicht übrigbleiben

So müssen wir in Starre enden
Ein Grabhauch würgt das letzte Licht
Der Alb hält wacht, dass niemand spricht
Verkettet streikt zu fliehn der Fuß
Der Morgen glimmt zum Abschiedsgruß
Kein Wort wird, was vertan ist, wenden
So müssen wir in Starre enden

Hundeblume

Ausgang 3
Führt durch ein Säurebad.
Du entsteigst ihm erfrischt
In einen rostigen Morgen,
Frottierst dich,
Wohlig erschauernd,
Mit Stahlwolle ab,
Einen erschreckend originellen Satz
Genüßlich zwischen den Hirnzellen
Zermalmend.
Die dünne Haut
Mit verbalem Eis umgürtet,
Stehst du staunend
Vor offenen Flanken,
Sonnensehnsucht,
Blanker Angst.
Magst du dich freuen,
Den Motor kaltstarten,
Den von hunderten Kurzstrecken verrußten?
Magst du dich schälen
Und für einen Herzschlag sterblich sein?
Oder läufst du wieder den Fluß entlang,
Das Handy ausgeschaltet in der Hoffnung,
Jemand riefe vergeblich an,
Und sagst dir:
Nicht die Liebe ist entfernt,
Sondern die Entfernung ist die Geliebte.

White Christmas

Herbert kommt allein nach Haus,
Ist sich selbst Sankt Nikolaus.
Weil keiner sonst an ihn gedacht,
Hat er was Feines mitgebracht.
Büchse Bier auf und ein Korn,
Denn der Heiland ist gebor'n.
Schnauzbart-Männer sind im Haus,
Packen ihre Rute aus,
Woll'n den Busenwundern droh'n!
Diese haben freilich schon
Mund und Fotze aufgemacht:
Lasst herein die festlich' Pracht!
Und der Ficksaft, weiß wie Schnee,
Spritzt auf Haar und Dekolleté.
Preiset SONY und den Herrn!
So hat es der Herbert gern.
Bis er später - silent night -
Sein Innerstes durchs Fenster speit
Und in weihnachtliche Luft
"Ihr seid alles Schlampen!!" ruft.

Die Dreiteilung der Winkelspinne

Geschichten
Der Leser

Sie hatten doch tatsächlich Heiner Lophard  für das Mozart-A-Dur-Klavierkonzert engagiert. Mein Kollege und Kumpel Dirk Röbel meinte sofort: „Das wird ein Spaß, das garantier ich Euch!“

Andere schimpften auf den kommerzialisierten Konzertbetrieb, und dass so was unter Hubert Neuss (unser Kapellmeister bis 1990) nicht denkbar gewesen wäre. Ich selbst war geteilter Meinung – einerseits war Lophard nach allem, was man hörte, ausgesprochen gut – kein Technik-Genie, aber sehr sicher, und seine Interpretationen wurden gern als „eigenwillig, aber ohne Exzentriker-Attitüde“ beschrieben; so etwas würde zumindest ich, wenn ich Solist wäre und nicht Tutti-Bratscher, als großes Lob empfinden. Andererseits war er mehr als nur ein bisschen speziell – er las während des Spielens ständig Zeitungen oder Bücher, er hatte irgend so eine Hirnstörung, durch die er pausenlos Input brauchte, weil er, wie es hieß, sonst durchdrehte; er musste unablässig irgendwas lesen, hören, schreiben, etc., sogar nachts hatte er angeblich Kopfhörer auf und einen Bildschirm an, weil er anders nicht schlafen konnte.

„Ein Autist, ist doch klar: Inselbegabung Klavierspielen“, war Dirk überzeugt, aber meines Wissens traf das nicht ganz zu – es war eher ein Phänomen, das man in dieser Ausprägung noch nie beobachtet hatte.

Verrückterweise konnte er sich trotz allem voll auf sein Spiel konzentrieren. („Ist doch klar – er ist in Wirklichkeit eine Frau“, war sich Dirk sicher, „das nennt man Multitasking“. Dirk ist erster Solo-Hornist, und das ist eben Blechbläser-Humor.)

Heiner Lophard hatte sich bisher hauptsächlich im Bereich Neue und experimentelle Musik einen Namen gemacht, da das Publikum dort eher mit seiner optisch gewöhnungsbedürftigen Performance  umgehen konnte – viele hielten es wohl tatsächlich für eine Performance oder eine besonders hintersinnige Spielanweisung des jeweiligen Komponisten. Heiner Lophard bewältigte auch sehr komplexe und abstrakte Neutöner-Kompositionen äußerst souverän allerdings spielte er diese Sachen nicht auswendig, was gegen Dirks Autismus-Theorie sprach, dafür konnte er anscheinend gleichzeitig Noten und Zeitung lesen. („Das kann ich auch“, prahlte Dirk, „während der Neunten zu Silvester hab ich Playboy UND AutoBild komplett durchgelesen!“ - „Das ist nicht das Gleiche, Dirk“, erwiderte ich, „ du liest, wenn die Hörner Pause haben, er macht das wirklich gleichzeitig!“)

Jedenfalls hatte Lophard wohl mehrfach den Wunsch geäußert, nicht auf Neue Musik reduziert zu werden und auch mal ein Konzert von Mozart, Brahms oder Chopin mit Orchester zu spielen. Da hatte sich verständlicherweise erst einmal niemand so richtig ran getraut, und ich befürchtete ein wenig, dass sich die Geschäftsführung unseres Regionalorchesters vor allem der äußerlichen Sensation wegen dafür entschieden habe, und dass eine Art Zirkusvorstellung daraus werden könne; dass die Leute vor allem kommen würden, um den Verrückten Klavier spielen zu sehen, ähnlich wie damals bei David Helfgott – falls sich jemand noch an den Film „Shine“ erinnert.

Dies war in etwa die Ausgangslage. Am Freitag waren die Proben mit Lophard angesetzt, am Samstag sollte das Konzert sein. Mehr Probenzeit ist bei einem Orchester wie unserem aus verschiedenen Gründen nicht drin, die meisten davon haben mit Geld zu tun. Nun ist das Mozart-Konzert nicht so irrsinnig schwer fürs Orchester, und wir haben es schon einige Male gespielt.

Schwenk, unser derzeitiger Kapellmeister auf Abruf, und der Geschäftsführer hatten in einer Ansprache versucht, den Kindergarten von Orchester auf das Kommende vorzubereiten – wer Heiner Lophard sei, wie man mit seinen Besonderheiten umzugehen habe und dass man ihn nicht wie eine Jahrmarktsattraktion oder einen Außerirdischen behandeln solle. Ich fragte mich, ob sie sich zu Beginn des Konzerts auch vors Publikum stellen würden und Ähnliches sagen.

In der Kantine hatte man sich Vermutungen hingegeben, ob Lophard auch beim Sex lesen müsse.

„Mach ich doch auch – ich guck mir redtube-Bilder an, damit er besser steht“ , gab der neue zweite Hornist zum Besten.

„Die Rede war vom Lesen, Alex“ sagte Dirk, „ da musst du wenigstens auch die Kommentare lesen!“

„Und selbst kommentieren!!“ prustete das Junghorn.

„Was soll denn so außergewöhnlich an Lophards Macke sein, mit meinem Mann ist es das Gleiche“, klinkte sich Claudia von den zweiten Geigen ein. „Sitzt man im Urlaub mal irgendwo schön in der Sonne und trinkt einen Cappuccino – nach zwei Minuten wird er unruhig und angelt sich eine Zeitung – im Grunde ist es egal, was, er muss immer irgendwelche Buchstaben fressen.“

Während einige der Frauen wissende Blicke wechselten, wagte Alex „Und im Bett?“ zu fragen, was ihm einen Blick von Claudia eintrug, der ihm nicht vorhandene Satisfaktionsfähigkeit attestierte. Fagottist Georg sah von seinem Taschenbuch auf und fügte mit missbilligendem Blick auf Alex hinzu: „Tja, Claudia, hättste einen Blechbläser geheiratet, bei denen ist nicht soviel mit Lesen.“

Lophards Erscheinung war weniger exzentrisch, als man vermutet hätte. Er erschien zur Probe in Jeans und schwarzem Hemd, hatte etwas von einem selbstunsicheren Jugendlichen in seiner Körpersprache, obwohl er sicher über 40 war. Es war nichts von einem Nerd an ihm, er trug nicht mal eine Brille, nur ein dürres Reclam-Buch in der linken Hand. Freundlich und etwas schüchtern nickte er ins Orchester, als Schwenk ihn vorstellte. Rechts neben dem Flügel hatte jetzt der Orchesterwart eine Art Beistelltisch auf Rädern hingestellt, der wirkte ein bisschen wie ein Servierwägelchen, darauf waren die Dinge griffbereit, die Lophard zu seiner – tja, was, Unterhaltung? Ablenkung? - benötigte: Bücher verschiedenster Größe, Dicke und Abgegriffenheit, Zeitungen und Magazine, ein Laptop mit angeschlossenen riesigen Kopfhörern, den Rest konnte man nicht genau benennen; ein Durcheinander aus Papier und Kabelkram, dazwischen, wie es schien, auch Stifte und andere Büroutensilien: Tacker, Locher, Klebeband, sogar Mastix und Nagellackentferner meinte ich zu erkennen. Man fragte sich, bei aller Vorkenntnis der besonderen Umstände, was er mit all dem Zeug anstellen wolle.

Die Probe lief gut und unkompliziert. Man kann es nicht anders sagen. Heiner Lophard spielte seinen Solopart sehr souverän, wenn auch nicht sensationell. Ja, er musste andauernd was lesen, tat das auch, während er spielte, aber das guckte sich irgendwie bald weg, und es war ein ganz normale Probe. Schwenk wurde auch spürbar lockerer, als es so reibungslos lief, und die Probe war sogar ein bisschen früher zu Ende als geplant. Schwenk strahlte, Lophard ließ ein Lächeln erkennen, und die Mehrheit des Orchesters schien erleichtert.

Allerdings nicht alle. Ein paar Kollegen – voran unsere zwei Hornisten – vermissten offenbar den ausgebliebenen Skandal und tuschelten irgendwas nach der Probe miteinander.

Umziehen vor dem Konzert. Dirk grinste in sich rein und tauschte Blicke mit Alex und Bass-Dieter.

„Habt ihr irgendeinen Mist ausgeheckt?“ fragte ich, sie grienten wie Schuljungen, „Er muss mal was anderes zu lesen kriegen“, murmelte Dirk, und alle drei kicherten. Ich war spät dran, musste meine Klamotten in Ordnung bringen - die Fliege hatte verquer im Kleidersack gelegen und sah aus wie verbogen - , dann ging es auch schon raus.

„Dirk, was habt ihr gemacht?“ zischte ich auf der Hinterbühne. „Nichts, ihm nur bisschen was dazwischen gelegt“, flüsterte Dirk, „ist doch egal, der liest das rein, und schon ist es vergessen!“

Ich wollte etwas erwidern, aber es war zu spät. Wir waren auf der Bühne, das Publikum applaudierte freundlich, wir begannen zu stimmen.

Die Leute waren anders drauf als bei Abo-Konzerten üblich. Sie waren gemischter, niedriger im Altersdurchschnitt, redeten lauter, ja, es wirkte, als bewegten sich sich mehr, obwohl alle auf ihren Plätzen saßen.

Im ersten Teil gab es gemischte Kost, eine Haydn-Sinfonie und ein bisschen Filmmusik-Verwurstung, so was geht immer. Das Publikum war nicht so sehr bei der Sache, verständlich, die meisten waren wegen des zweiten Teils gekommen.

In der Pause war Dirk nicht zu finden, ich fragte mich, ob er mir aus dem Weg ging. Kurz bevor es weiterging, huschte er an seinen Platz.

Beginn zweiter Teil: Schwenk kam auf die Bühne, empfing milden Applaus, dann erschien Lophard, und das Getuschel schwoll an, es dauerte einen Moment, dann kam kräftiger Beifall, auch vereinzelt Laute, die eher auf den Fußballplatz oder zumindest in ein Rockkonzert gehören.

Lophard, ganz klassisch im Frack, hatte ein geöffnetes Taschenbuch in der Hand, schaffte es aber, die Leute anzuschauen und sich schüchtern zu verbeugen. Schon beim Händeschütteln mit Schwenk und dem Konzertmeister jedoch war sein Blick wieder im Buch, und als er am Flügel Platz nahm, schien er in einer anderen Welt zu sein.

Schwenk wandte sich zu uns, suchte dann den Blickkontakt mit Lophard, vergeblich. Etwas irritiert hob er den Taktstock, und es ging los. Das Orchester spielte soweit ok, vielleicht ein wenig zerstreut, kann auch sein, dass es sich nur für mich so anfühlte.

Dann kam Lophards erster Einsatz, und zugegeben: er machte das richtig toll. Sehr singend, sehr subtil, es war ein Vergnügen, da zuzuhören, da mitspielen zu dürfen. Man durfte nur nicht hinsehen, denn sobald er auch nur eine Hand frei hatte, legte er ein neues Buch, eine andere Zeitung hin, begann sogar, Dinge hineinzuschreiben oder zu unterstreichen, und einmal – unfassbar – schnitt er sogar etwas aus. Er hantierte zwar sehr geschickt, aber ganz unhörbar waren diese Aktionen natürlich nicht, was dann doch schon manchmal etwas störte. Ansonsten lief es gut, auch wir wurden lockerer.

Die Solokadenz am Ende des ersten Satzes war überraschenderweise völlig anders als in der Probe, da hatte er die bekannte Originalkadenz von Mozart gespielt. Sehr mutig! Er hatte sie offenbar selbst komponiert oder auch improvisiert, sie war geschmackvoll und zeigte Humor – in dem Sinn, dass er sich sehr gut in Mozarts Stil einfühlte, mit absoluten Winzigkeiten aber auch andeutete, dass er bei Bedarf ganz anders könne.

Nach Ende des ersten Satzes ließ Lophard den Kopf sinken. Automatisch vermutete ich, er habe zu seinen Füßen auch etwas zum Lesen liegen, doch dem war nicht so. Er verharrte einige Momente, dann hob er den Kopf und ließ seinen Blick übers Orchester schweifen, allerdings schien er nichts wahrzunehmen, seine Augen wirkten wie nach innen gekehrt. Er schaute wieder auf das Buch auf seinem Notenpult, doch es wirkte, als stiere er hindurch. Dann begann er den zweiten Satz – das Klavier beginnt hier allein - , und ich muss sagen, er spielte wirklich abgründig schön; für mich ist dieses Adagio eh eine der schönsten Musiken von Mozart, bei Lophard jedoch war es ein Ereignis. Es war nicht einmal, wie man es, durch klischeehafte Filme verdorben, vielleicht annehmen würde, der Aufschrei einer gepeinigten, einsamen Seele, eher ließ er uns und die Zuhörer an seiner eigenen, von der unseren verschiedenen Welt teilhaben. Auch Schwenk war sichtlich ergriffen und verpasste beinahe den Orchestereinsatz. (Wir hätten den auch ohne ihn gefunden – Dirigenten sind oft weit weniger wichtig, als sie meinen, und dieses Konzert könnte man auch vom Klavier aus leiten.) Lophard hatte sich hier eindeutig das Beste fürs Konzert aufgehoben, in der Probe hatte er das alles sehr souverän abgeliefert, aber bei Weitem nicht so!

Mir schien, dass auch ein großer Teil des Publikums gar nicht mehr auf Lophards Absonderlichkeiten achtete und mehr und mehr einfach das musikalische Ereignis genoss. Und auch einige meiner Kollegen ließen sich inspirieren und spielten weniger pragmatisch, als man das von ihnen kannte. Mitten im Satz fiel mir auf, dass er gar nicht mehr so viel mit seinem Kram herum wirtschaftete, er schien ein bisschen mehr bei sich zu sein als sonst. In der letzten halben Minute allerdings wurde er wieder aktiver, vielleicht musste er sich innerlich für den schnellen Schlusssatz rüsten. Als ich kurz vor Ende des Satzes noch einmal zu ihm schaute, hatte sich seine Gesichtsfarbe geändert, und plötzlich schwitzte er enorm, was mir vorher nicht an ihm aufgefallen war. War es jetzt soweit, hatte er etwas von den hinein geschmuggelten Sachen erwischt?

Der zweite Satz war zu Ende, und Lophard saß wie versteinert da. Schwenk nickte ihm freundlich zu; auch der dritte Satz beginnt mit dem Piano allein. Aber Lophard rührte sich nicht, eine unbehagliche Stille machte sich breit. Erste Unruhe war im Publikum zu bemerken, Schwenk flüsterte etwas. Da schnellte Lophards Kopf hoch, er griff fassungslos eine kopierte Seite und starrte mit einem todbringenden Blick erst zu Schwenk, dann ins Orchester. Ich sah zu Dirk, der starrte zu Boden und war puterrot. In dem Moment stürzte sich Heiner Lophard mit einem Affentempo in sein erstes Thema, von Eleganz war jetzt nicht mehr viel spüren, statt fröhlich und lebhaft wirkte die Musik eher höhnisch und zerklüftet.

Schwenk stand die Panik ins Gesicht geschrieben, im ersten Orchesterpart nahm er Lophards Tempo auf und versuchte, es unauffällig ein wenig herunter zu kühlen, doch sobald Lophard die Gelegenheit hatte, zog er wieder gnadenlos an. Dass unter diesen Umständen auch das Orchester nicht gerade graziös musizierte, kann man sich vorstellen.

Lophard hatte jetzt einen Riesenwälzer über Astrophysik auf sein Notenpult gewuchtet, er ruderte beim Spielen merkwürdig mit dem Oberkörper, scharrte mit den Füßen. Vielleicht bildete ich mir das nur ein, aber mir schien, als wäre ein mit maßloser Anstrengung unterdrücktes Stöhnen oder Knurren von ihm zu vernehmen. Er spielte weiterhin sehr aggressiv und mit hohem Tempodruck, aber nennenswerte Fehler passierten ihm nicht.

Im nächsten Orchesterzwischenspiel tippte er wie ein Wahnsinniger auf seinem Laptop und setzte sich eine halbe Sekunde vor dem nächsten Einsatz die Kopfhörer auf.

So wie der Flügel positioniert war, konnte ich sein Gesicht nur aus der Schräge sehen, aber das genügte, um sich Sorgen zu machen. Sein ohnehin etwas gelblicher Teint hatte einen Stich ins Grüne bekommen, und um seinen Mund war ein verbissener Zug. Die Augen wirkten, als würden sie sich in verschiedene Richtungen bewegen, was sicher eine Täuschung war.

Schwenk hatte sich in sein Schicksal ergeben und versuchte, Lophards Tempo zu folgen, im verzweifelten Bemühen, seinen Haufen zusammenzuhalten, machte er eckige Dirigierbewegungen, die das Orchester natürlich auch nicht ruhiger stimmten – es passierten einige nicht notwendige Patzer, nicht zuletzt ein gut hörbar verkiekster Einsatz von Dirks Horn. So stolperten wir wie aufgeregte Studenten beim ersten Vorspiel durch den dritten Satz, allerdings gewann dieser, allem zu Trotz, eine Intensität, die unserem C-Orchester bei Repertoirestücken meist eher abgeht; alle saßen auf der Stuhlkante, und den Streichespielern – wehe ihnen! - war längst das Feixen vergangen.

Immer, wenn er eine Hand frei hatte, tippte Lophard auf dem Laptop herum, zog sich dann noch ein kleines dickes, Buch aufs Notenpult – ich konnte es nicht glauben: Es war eine Studienpartitur von Mahlers sechster Sinfonie, die er begann, nebenher durchzulesen, nein: die Noten förmlich zu fressen. Und als wäre das nicht abgedreht genug, machte er , sobald er dazu kam, mit dem Bleistift Notizen darin.

Man könnte sagen: Wenn so viel passiert, vergeht die Zeit im Fluge, und tatsächlich waren wir ruckzuck kurz vor Ende des Satzes, ich atmete innerlich schon ein paar Zeilen vorher auf; der große Skandal schien ausgeblieben zu sein.

Die letzten fünf Orchestertakte, die Schlussakkorde. Geschafft! Aber was war das? Heiner Lophard spielte einfach weiter. Zunächst endlose Wiederholungen der in der Wiener Klassik bei Schlüssen immer wieder gern genommenen Dominante-Tonika-Hin-und-Herwechselei, immer E-Dur, A-Dur, E-Dur, A-Dur in allen rhythmischen Varianten. Der französische Komponist Erik Satie, der wenig von Beethoven hielt, hatte gern das eine oder andere seiner Klavierstücke mit solchen Endlosschlüssen versehen, um sich darüber lustig zu machen.

Lophard reizte das Ganze grimmig aus, und als man sich langsam fragte, wie lange er das durchhalten wolle und ob jemand das Ganze beenden sollte, landete er plötzlich auf einem Trugschluss, hielt den Akkord lang aus, wiederholte ihn in verschiedenen Lautstärkeabstufungen und Schattierungen. Dann stürzte er sich in eine von Mozart keineswegs vorgesehene zusätzliche Solokadenz, in der er nun allerdings keinerlei Rücksicht mehr auf den Stil des Werkes nahm, es donnerte zunächst wie eine gemeinsame Nachtsession von Liszt und Rachmaninoff, dann flossen immer mehr Elemente ein, die Lophard aus seinen Neue-Musik-Konzerten vertraut waren: dissonante Akkordreihungen, mit Händen und Armen ausgeführte Cluster, Abdämpfen der Saiten mit Fingern und diversen Gegenständen, Anzupfen der Saiten im Innenraum des Flügels und dergleichen mehr. Die Leute im Saal waren mucksmäuschenstill, mit so etwas hatte wohl trotz allem keiner gerechnet.

Kurz ging mir durch den Kopf: Verflucht, warum hat niemand daran gedacht, das mitzuschneiden?

Dann spielte Lophard einen ziemlich verrückten, jeder Tonalität enthobenen Lauf mit der linken Hand, wandte sich plötzlich zum Orchester und zeigte mit hoch erhobener rechter Hand fünf Finger. Ich starrte ihn ratlos an.

„Die letzten fünf Takte nochmal!“ zischte der Konzertmeister nach hinten.

Und als wäre nichts gewesen, mündete Lophards Improvisation in eine mozartgemäße Trillerfermate, und ehe der völlig perplexe Schenk reagieren konnte, gab Lophard mit links den Einsatz fürs Orchester, sprang auf und rannte von der Bühne, während wir die fünf Takte spielten und Schwenk, wie ein Dirigierschüler am Schallplattenspieler, schüchtern die Arme im Viervierteltakt mitbewegte.

Es folgte donnernder Applaus – abgesehen einem Zusammenbruch des Solisten war dies die denkbar interessanteste Variante von Show für das sensationshungrige Publikum gewesen. Schwenk verbeugte sich unsicher, ging ab, blieb eine Weile verschwunden. Der Applaus wurde lauter, es waren Rufe zu hören.

Dann erschien Lophard, ging langsam nach vorn. Plötzlich sah man ihn lächeln, erst ein bisschen, dann entspannte sich sein ganzer Körper, er schien beinahe laut zu lachen, verbeugte sich, setzte sich an den Flügel, spielte mit geschlossenen Augen, ohne irgendein Buch oder sonst etwas anzurühren, in einer unfassbaren Seelenruhe ein schlichtes Lied ohne Worte von Mendelssohn, ganz ohne jede virtuose Attitüde.

Danach stand er auf, verbeugte sich, bedankte sich bei Dirigent und Orchester, verschwand hinter der Bühne und erschien nicht wieder.

Beim Rausgehen drängte ich mich zu Dirk, der irgendwie blass und verschwitzt aussah.

„Was habt ihr ihm da reingelegt?“ fragte ich leise.

„Ach...“ , machte Dirk mit belegter Stimme, „nur ein bisschen Quatsch.“

„Bisschen Quatsch, toll. Das hätte beinahe das Konzert ruiniert. Was für Quatsch?!“

„Na ja... eine Seite mit Frauenarztwitzen aus dem Internet, ein paar Kopien aus einer Satansbibel, und so...“

„Und was?“

„Noch ein paar Artikel über ihn.“

„Verrisse?“

„Jedenfalls nicht nur freundliche. BILD-Zeitung, zum Beispiel. Focus. Ich weiß gar nicht alles, jeder hat was mitgebracht.“

Ich schüttelte den Kopf. „Und was sollte das bezwecken?“

Dirk räusperte sich. „Ein bisschen Spaß. Der kennt doch eh alles, was über ihn geschrieben wird.“

Und fügte nach einer Weile hinzu: „Ich hatte jetzt auch ein bisschen Angst, dass das keine gute Idee war. Wer kann denn ahnen, dass der so austickt!“

Als die Leute aus dem Saal waren und ich mich umgezogen hatte, ging ich nochmal durch die Reihen, setzte mich auf irgendeinen Stuhl, sah zur Bühne hoch und versuchte mir vorzustellen, was ich als Zuschauer empfunden hätte. Ich war eigenartig erschöpft und elektrisiert von dem Ganzen und hatte keine Lust auf Kollegen-Smalltalk.

Nach ein paar Minuten setzte sich Dirk neben mich. Ich hatte beinahe das Gefühl, dass er sich ein wenig schämte, und das passiert bei ihm nicht so schnell.

Inzwischen waren Orchesterwart und Techniker verschwunden, alles war weggeräumt. Aus der angenehmen Stille zirpte ein merkwürdiges Störgeräusch heraus. Das Ohr ist schlechter im Richtungshören, als man meint; wir ließen die Blicke durch den Saal kreisen, Dirk und ich, bis mir Lophards Servierwägelchen auffiel, das noch mit all seinem Kram neben dem Flügel stand.  „Das dürfen sie nicht wegräumen, das macht er selbst“, sagte Dirk, „er will nicht, dass es jemand anfasst. Er hat es verboten.“ Das Geräusch schien von dort zu kommen.

Ich ging zur Bühne, um mich zu vergewissern – klar: seine Kopfhörer! Er hatte, was immer er auch gehört hatte, nicht abgestellt. Ich setzte, der Übertretung bewusst, zögernd die Hörer auf – und schnell wieder ab. Ein diabolisches Krach-Chaos hatte mich getroffen, das einem den Kopf auseinanderzuziehen schien.

„Gib mal her“, verlangte Dirk hinter mir und nahm mir den Kopfhörer aus der Hand. Er schob ihn auf dem Kopf hin und her, dann funkelte Verstehen in seinen Augen.

„Er hat auf jeder Seite andere Musik – hier, hör mal einzeln! Das links ist Prokowjew, Skythische Suite, und rechts irgendwelcher holländischer Extrem-Techno, ich glaube, der Typ nennt sich DJ Krank oder so.“

Ich musste mich wundern, dass Dirk Röbel da schon wieder mit Namen aufwarten konnte – aber er ist halt Blechbläser, da muss man auf alles gefasst sein.

Ein Blatt segelte vom Wägelchen, auf dem stand mit Kugelschreiber auf deutsch, aber in kyrillischer Schrift: „Wer das liest ist doof“. Ich schaute Dirk an, er hob die Hände: „Also DAS ist nicht von mir!“

Wir gingen dann langsam im Dunkeln zum Parkplatz. Es hätte regnen dürfen, tat es aber nicht, sondern es war so still, dass einem die eigenen Geräusche unangenehm wurden, das Knirschen der Schritte, das Atmen, so wie es manchmal mit Ess- und Trinkgeräuschen bei Tisch ist, wenn niemand etwas sagt – und genau dafür, dachte ich absurderweise plötzlich, wurde Musik erfunden: um solche Peinlichkeiten dezent zu übertönen.

Wir waren recht schweigsam, Dirk und ich, „Was für ein Freak“, sagte Dirk nur leise, schwer zu sagen, ob das abschätzig oder bewundernd gemeint war.

Ich selbst hatte das Gefühl – oder wollte es gern so - , Heiner Lophard ein klein wenig zu verstehen.

Im Keller

Ein Leipziger Kleinverlag war auf der Suche nach Gruselgeschichten, die mit einem Leipziger Stadtteil zu tun haben. Damals entstand diese Geschichte. EM

Reginenstraße 11. Im Leipziger Stadtteil Gohlis ist das, Nähe Lindentaler Straße. Wird gerade saniert, soll angeblich bis Weihnachten fertig sein, na ja, glaub ich nicht so recht dran, wenn ich den derzeitigen Stand sehe, aber egal. Irgendwann ist es fertig. Wird ein schmuckes Haus sein, wie die meisten anderen in der Straße, nicht prachtvoll, aber recht hübsch.

Ich würde da nicht einziehen. Also – ich sowieso nicht, weil ich wohne schon gleich nebenan, aber ich würde es auch keinem empfehlen. Hab auch schon drüber nachgedacht, selbst ganz von hier wegzuziehen, aber ich häng zu sehr an meiner Bude. Und – ich HASSE Umzüge …

Was ich gegen das Haus habe? Im Grunde nichts, aber es gibt eine Geschichte, derentwegen ich heute meist auf der anderen Straßenseite an der 11 vorbeigehe.

Es fing mit der Postfrau an. Der netten Postfrau, die immer auf unserem Hof ihr Zigarettenpäuschen macht, weil man sich da so schön auf den Rand des Koniferenkübels setzen kann. Lässt aber nie ihre Kippe liegen, ansonsten auch gleich das Fenster der Hausmeisterwohnung aufginge… Hat nicht viel zu tun, der Gute, und macht ein bisschen den Blockwart hier, man kennt so Typen. Wäre ich Hausmeister, würde ich wohl auch die DDR vermissen.

Jedenfalls - eines späten Vormittags traf ich die Postfrau auf der Straße, gerade vor der Nummer 11, und sie fragte mich, ob ich nicht kurz mit reinkommen könne, es würde sie immer so gruseln in dem Haus. Was mich erst mal eher amüsierte, aber da ich sie mag und den Moment Zeit hatte, ging ich mit rein.

„Hier wohnen nur noch zwei Leute, die sind nie da, und dort unten das erinnert mich immer irgendwie an ‚Das Schweigen der Lämmer’“, sagte sie und wies auf die Kellertreppe, in deren Nähe sich die Briefkästen befanden.

Ich konnte mir in etwa vorstellen, was sie meinte. Die Treppe führte kreisförmig und ziemlich steil hinab, in der Mitte blieb so ein schmaler runder Schacht übrig, der einen mit etwas Fantasie an das Loch erinnern konnte, in das im Film Jame Gumb seine Opfer gesperrt hatte. Insgesamt war das Treppenhaus einigermaßen verwahrlost, und der Gang zum Keller war dunkel und roch muffig, wie sich das für ein seit Jahrzehnten unsaniertes Haus eben gehört.

Wir schwatzten noch ein paar Minuten, dann musste sie weiter, ich wünschte ihr einen schönen Tag ohne weitere Gruseleien.

Wenig mehr als anderthalb Monate danach waren die beiden letzten Mieter ausgezogen, die Haustür stand immer so halb offen, ich war mal neugierig rein gegangen, hatte gesehen, dass alle Namensschilder ab waren und gestaunt, in welch kurzer Zeit sich das Parterre mit Müll und Gerümpel gefüllt hatte.

Eines Abends war ein wichtiger Termin kurzfristig abgesagt worden, der mir vorher ein paar Magenschmerzen bereitet hatte, ich hatte also nichts vor, war nicht verabredet und wollte mir eigentlich einen entspannten Abend mit Rotwein vor der Glotze oder mit einem Buch machen, war aber irgendwie noch zu aufgedreht zum Relaxen, und nach zwei, drei Gläsern Wein zog ich mich noch mal an und ging raus. Ich wollte einen längeren Spaziergang machen, um runter zu kommen, es war schon dunkel, aber noch sehr angenehm draußen, die Luft nach dem Regen fast wie Ostsee im Herbst.

Doch dann stand ich vor der 11, mir fiel die Geschichte mit der Postfrau wieder ein, und ich bekam spontan Lust auf ein wenig risikofreien Grusel und beschloss, mal runter in den Keller zu schauen, der sie so geängstigt hatte. Eine Minilampe hatte ich immer bei mir, also schob ich vorsichtig die Tür auf  - sie machte so ein Quietschgeräusch wie in Horrorfilmen die Schaukeln in den Gärten verfluchter Anwesen – und leuchtete rein. Allzu hell wurde es nicht mit meiner kleinen Lampe, ich versuchte vergebens, einen Eindruck vom Treppenhaus zu bekommen. Ich war in einer schwarzen, stillen Welt, in der nur mein schmaler bläulicher Lichtkegel ein paar Details unwirklich hervorhob. Also konzentrierte ich mich darauf, den Boden nach Gerümpel abzuleuchten und stieg langsam zum Keller hinunter.

Der Gang unten war sehr eng, ich streifte mehrfach die Wand, die sich feucht und schmierig anfühlte, es roch nach altem Kohlenstaub. Die Türen der kleinen Verschläge waren größtenteils offen, manche fehlten ganz oder lagen kaputt auf dem Boden. Ich leuchtete in einige der Buchten, teils waren sie leer, teils hatten Mieter wohl vor dem Auszug ihren Sperrmüll dort endgelagert.

Am Ende des Ganges war eine Stahltür, sie war geschlossen. Ich öffnete sie, sie klemmte ein wenig und löste sich metallisch knackend von Monate alten Verspannungen. Dahinter kroch ein neuer, unangenehm fauliger Geruch hervor, den ich nicht einordnen konnte. Mein ärmliches Licht streifte über verwaiste staubige  Stromzähler, dann sah ich eine alte Matratze am Boden, mit einer löchrigen Decke darüber, beide mit Landkarten aus Flecken bedeckt. Daneben am Boden leere Flaschen, Bier, Schnaps, Wein, alles dabei, auch ein Pizzakarton mit Essensresten und zahllosen Kippen drauf.

Die Erkenntnis, dass hier augenscheinlich ab und zu jemand hauste, vertrieb schlagartig meinen Übermut. Die Vorstellung, derjenige, ob ein Penner oder wer auch immer, käme jetzt hier herunter, bescherte mir ein mulmiges Gefühl im Bauch. Der wäre sicher wenig angetan von meinem Besuch, und hier unten war es finster, und ich war allein.

Eben überlegte ich, ob ich besser schnell verschwinden sollte, da meinte ich ein dumpfes Geräusch zu hören. Ich stand stocksteif vor Schreck und spürte, wie sich meine Härchen aufrichteten. Da, noch mal…oder?

Aus Richtung Lindentaler Straße war das Wummern eines Lastzuges zu vernehmen. Noch eine Weile stand ich mit angehaltenem Atem und beschleunigtem Puls da, dann ließ ich mich auf die Matratze nieder, atmete aus und musste über mich schmunzeln. Alter Schisser!

Nun hatte ich meine Gruselminute gehabt, wunderbar, das war doch Sinn der Übung gewesen. Ich zündete mir eine Zigarette an und beruhigte mich langsam. Nachher würde ich in die Gohliser Wirtschaft gehen, ein, zwei Bierchen trinken, vielleicht versuchte Manfred ja mal wieder, Klavier zu spielen, der Abend würde jedenfalls lustig ausklingen. Und ich könnte, falls ich jemanden Bekanntes träfe, mein Erlebnis erzählen und ein wenig ausschmücken.

Ich tastete noch ein Weilchen mit der Lampe die Wände des Raumes ab. Mit Kohlenstaub reichlich belegte Spinnweben, ein altes Holzregal, das sich durch die Feuchtigkeit auseinander bog. Es standen noch ein paar nachkriegszeitlich anmutende Einweckgläser darauf, womöglich sogar gefüllt, das konnte ich nicht genau erkennen. Vielleicht waren da vor Jahrzehnten eingeweckte Bohnen, Sauerkirschen oder Pflaumen drin, und eines Tages, wenn das Regal der Nässe nachgeben würde, könnte man in der Nachbarschaft ein gewaltiges Scheppern hören, und die guten, mit Liebe eingekochten Früchte würden sich unerkannt über den mitleidlosen Kellerboden verteilen…

Da war noch eine zweite Tür im Raum, auch aus Stahl, mit abgeblätterter grauer Farbe, die Ränder waren teilweise von Spinnweben überhangen, das Schloss sah rostig aus; sie war anscheinend eine halbe Ewigkeit nicht geöffnet worden.

 Und da meinte ich wieder dieses dumpfe Geräusch zu vernehmen, zweimal sogar, es kam aus der gleichen Richtung wie vorhin, und es war sehr nahe - es war hinter jener Tür. Und das war sicher KEIN Lastzug!

Doch ehe ich darauf reagieren konnte, drangen laute Geräusche durch das Treppenhaus herunter, die Haustür ging geräuschvoll auf, Schritte kamen die Treppe herunter, ich hörte aneinander schlagendes Flaschenglas und zwei jugendlich klingende Männerstimmen.

Ich war aufgesprungen und drückte mich an die Wand, ich fühlte auf meiner Stirn  herabhängende Spinnweben sich mit Schweiß vermischen, ich hatte keine Zeit zu entscheiden, ob ich eher erleichtert oder verängstigt sein sollte, schon fiel der Kegel einer Armeetaschenlampe auf mich. Ich wollte irgendetwas sagen, aber meine Kehle war trocken wie ein neues Löschblatt.

Die Lampe blendete mich, ich erkannte unscharf die Umrisse zweier Jugendlicher.

„Was’n das“, sagte der Größere, „willst’n du hier, hä?“

„Tut mir leid“, ich versuchte mich zu straffen und so locker wie möglich zu wirken, „ich wusste nicht… ich bin hier bloß so zufällig…“

„Mann, hau bloß ab hier“, schrie mich der Kleinere an, die Stimme kippte ihm über, „das is unsers hier, kapiert?“

„Ja klar“, murmelte ich, es klang, als hörte ich mich von außen, „ich hau schon ab. Entschuldigung.“ Und wollte mich an den beiden vorbeidrücken.

„Nee, warte mal, nich so schnell.“ Der Große trat mir in den Weg. „Bist du n Schnüffler oder so was?“

Er musterte mich, der Schein der Lampe glitt an mir herunter und wieder hoch in mein Gesicht.

„Das is kein Bulle, guck doch mal, was für’n Schiss der hat.“ Der Kleine lachte dreckig.

„So ne Memme, der schifft sich gleich ein:“

Der Große packte mich am Arm. „Vielleicht will er uns ja bisschen was hier lassen. Du hast doch bestimmt Kohle dabei. Und Zigaretten.“

„Jungs“, sagte ich mit hohler Stimme, „jetzt macht keinen Mist, ja? Ich hau ab, und ihr seht mich nicht wieder, OK?“

Der Kleine zog etwas aus der Hosentasche, das Messer klappte geräuschvoll auf.

„So, du willst uns also nichts freiwillig geben? Das ist aber schade.“

Seine gewollt großkotzige Gestik verriet, welche Art Filme er sich häufig rein zog.

Der Große hatte mich am Arm gepackt und an die Wand gedrückt, jetzt kam der Kleine von rechts und bewegte das Messer in Richtung meines Halses, es reflektierte den Taschenlampenschein hektisch an die Decke.

„Eh, bleib locker“, sagte der Große, „das gibt bloß Stress. Ich mach das schon.“ Und grinste mir ins Gesicht. Ich konnte ihn zum ersten Mal einigermaßen erkennen. Etwa sechzehn, kräftig, dunkle, gegelte Haare, die Jacke war sicher nicht billig gewesen. Oder geklaut.

„Mann, nur ’n bisschen Spaß!“ maulte der Kleine und berührte mit der kalten Klinge meine Kehle. Ich erstarrte.

„Was musste der Wichser auch hier runter kommen.“

In diesem Moment hörte ich wieder das dumpfe Geräusch. Der Große bekam einen fragenden Blick, als sei er nicht sicher, ob er richtig gehört habe.

„Was ist das denn?“

Die Stimme des Kleinen klang plötzlich sehr verändert, er senkte zögernd das Messer, und nun kam ein richtig lautes Poltern und noch etwas, das entfernt wie ein hohles Stöhnen oder Heulen klang, und, so albern das klingt – ja, wie ein tiefes Knurren, meine Erinnerung ist ungenau, und es ging alles zu schnell.

Die verschlossene Tür schlug krachend auf, der Große ließ die Lampe fallen, die mit einem hässlich klirrenden Geräusch ihren Geist aufgab, ein betäubender Gestank ergoss sich in den Raum, etwas Unsägliches schien aus diesem Loch zu kommen, ich konnte nichts sehen, roch nur unmenschliche Ausdünstungen wie von etwas Halbverfaulten, dessen zurückgekehrte Lebenswärme alle denkbaren Gase freisetzt, hörte Atemrasseln und Schlürfen und glaubte entsetzt, die Anwesenheit zu spüren von einem riesigen Ding – ich stand immer noch starr an der Wand, und dieses, was immer es auch war, packte jetzt den Großen, der panisch aufschrie, und zerrte ihn in den angrenzenden Raum, ich vernahm Laute, die zu differenzieren sich mein Gedächtnis weigert, war außerstande zu irgendeiner Reaktion, hätte mir vielleicht die Ohren zuhalten wollen, es ging nicht, ich musste das alles anhören.

Die Schreie des Großen erstarben sehr schnell in einem jenseitigen Röcheln, und nun fasste sich der Kleine und stürzte mit gellendem Kreischen, das jetzt wieder ganz Kinderstimme war, hinaus, ich wollte hinterher, er jedoch schlug mit solch entsetzter Wucht die Tür zur Hölle hinter sich zu, dass sie mir voll vor den Schädel knallte, und dann war alles noch schwärzer und voller greller Flecken.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ich muss wohl eine Weile besinnungslos dagelegen haben, jedenfalls wurde ich wach, mein Kopf schmerzte dumpf, und ich hatte für eine Minute keine Ahnung, wo ich mich befand. Als die Erinnerung langsam wiederkehrte, brauchte das Grauen eine kleine Weile, um mich in Besitz zu nehmen, dann war ich zunächst wie gelähmt und versuchte, aus dem schlechten Traum aufzuwachen. Doch die Sinne erholten sich, ich fühlte den feuchten Kohlenstaub des Kellerbodens, spürte mein Blut in der Beule pochen, roch diesen abgründigen Gestank…Und dann war ich fast ganz wach, und dann hörte ich es, fast neben meinem Kopf, ein krankes, modriges Atmen, dazwischen – mir wird heut noch übel bei der Erinnerung – etwas wie leises Schmatzen, als befänden sich die Lippen ganz nah an meinem Ohr.

Mir war, als wäre heißes Blei in meinem Magen, ich stemmte mich zitternd hoch und rannte aus dem Raum, nie in meinem vorherigen Leben hatte ich eine Ahnung gehabt, was Angst ist; ich hastete die Treppe hinauf, nur raus aus diesem Orkus, stolperte, schlug mir die ohnehin weichen Knie an irgendeinem Blechmüll auf, rappelte mich hoch und stürzte aus dem Haus, und ohne mich umzusehen, weiter ins Nachbarhaus, knallte die Wohnungstür hinter mir zu.

Dort ging ich, ohne mich auszuziehen, in die Küche, öffnete die durch eine göttliche Fügung vorhandene Wodkaflasche und soff einen so großen Schluck, dass ich fast kotzen musste. Als der seine Wirkung getan hatte, ließ ich mich auf den Stuhl fallen, ich spürte, wie ich zu zittern begann, wie die Schmerzen zurückkamen, ich saß wohl noch eine halbe Stunde stier da und trank in kleinen Schlucken, rauchte, was noch da war, betäubte meinen Schrecken, dann war die Flasche leer, ich streifte nur die Schuhe ab, legte mich aufs Bett und fiel in traumlosen Schlaf.

Am Morgen konnte ich nicht sagen, ob mir der Kopf mehr vom Kater oder von der bösen Beule an der Schläfe wehtat. Ich sah schlimm aus im Spiegel, meine Sachen waren verdreckt und stanken, die Bettwäsche war auch versaut.

Ich trank einen beißenden Kaffee, wollte eigentlich einen Spaziergang machen, mochte aber nicht vor die Haustür, drehte auf wackligen Beinen drei Runden im Innenhof (der Hausmeister im Feinripphemd glotzte blöde aus dem Fenster), legte mich wieder aufs Bett, schlief erneut ein, diesmal verschonten mich die Träume allerdings nicht, ich sah irgendein mythisches Ungeheuer, wie es im Keller meinen Nachbarn fraß, der dabei grinste und Lemon Tree summte, dann kam meine Ex-Freundin herein und fragte, warum ich denn immer nur hier sei. Ich wollte sie in den Arm nehmen, doch das Ungeheuer begann auch sie von den Füßen her zu fressen, wir waren übergangslos in unserer alten Wohnung, ihr trauriges Gesicht, dass aus dem Maul ragte, sagte sanft: Siehst du, jetzt hast du ganz viel Zeit für dich allein. Als dann das Ungeheuer zu sprechen begann, plötzlich das Gesicht von Wolfgang Tiefensee hatte und mich fragte, ob wir zusammen an den Balaton fahren wollen, wachte ich auf.

Es war früher Abend, ich fühlte mich elend und so allein wie nie.

Ich lag da in meinen ekligen Klamotten, tastete vorsichtig über die die angeschwollene Beule.

Trotz allem hatte ich Zweifel, was von dem, an das ich mich erinnerte, wirklich passiert war. Für einen ganz kurzen Moment hatte ich den Gedanken, noch mal da runter zu gehen, aber der war schnell verworfen. Auf keinen Fall würde ich das tun. Die Polizei anzurufen, wäre ein anderer Gedanke gewesen, eigentlich ein folgerichtiger. Aber – es war alles so unglaubwürdig, es war einfach nicht nur ein bisschen bescheuert, sondern sogar ganz schön. Ich wusste es nicht.

Mir fiel auch niemand ein, dem ich das hätte erzählen wollen. Die einen waren nicht vertraut genug, und bei den anderen wäre ich mir erst recht blöd vorgekommen. Ich redete mir ein, drauf zu achten, ob ich was höre oder lese, dass ein Jugendlicher vermisst wird, aber ich achtete natürlich nicht drauf, und ich hörte oder las auch nie etwas.

Ich habe das, was auch immer da gewesen ist – nach so einem Schlag auf den Kopf weiß man ja eh nie so genau – dann mehr oder minder erfolgreich verdrängt. Dass man wirres Zeug träumt, das kann passieren.

Zum nachgeholten wichtigen Termin musste ich noch etwas Puder auf die farbenfrohe Beule auftragen, ansonsten hatte ich zu tun und an anderes zu denken.

Dann begannen die Bauarbeiten an der Nummer 11, der Krach und der Staub gehen mir bis heute gehörig auf den Wecker, und als ich einmal an dem Haus vorbeiging, konnte ich nicht an mich halten und lugte zur offen stehenden Haustür rein. Sah jetzt natürlich ziemlich anders aus, überall Planen, Stromkabel und Arbeitsgerät… und da drang ein markerschütternder Schrei aus dem Keller, und in meinem Kopf war auf einmal alles wieder da, das dumpfe Geräusch, der Gestank, das Atmen und Schmatzen…

„Was gibt’s?“

Ein Bauarbeiter mit Schubkarre stand vor mir, ich war ihm im Weg.

„Ist was passiert?“ fragte ich erschrocken.

„Wieso?“

„Na… da hat jemand geschrien… da unten im Keller…“ Mir fiel ein, dass auf Baustellen immer viel geschrien wird, aber das hatte so geklungen wie…

Der Arbeiter grinste. „Der Lehrling hat was fallen gelassen und seinen Anschiss gekriegt. Das war alles. Wir machen das hier schon. Und jetzt lass mich mal vorbei. Wenn du gucken willst, brauchste ’n Helm.“

Was soll ich sagen: Ich glaube nicht, dass die das bis Weihnachten packen. Aber irgendwann werden Leute einziehen. Ich würd’s keinem empfehlen, egal, nicht meine Sache. Es macht mich auch nicht wirklich froh, dass ich so sehr in der Nähe wohne, aber um schon wieder umzuziehen, reicht das nicht.

Und wenn es so weit ist, muss die nette Postfrau da wieder rein… Ob ich ihr was erzähle?

Ach, besser nicht.

Gedichte
Auftrieb

Mit der unverschuldet wieder gewonnenen Kraft
Dem Schicksal in die Radspeichen greifen
Mit der Blütenluft unter den rissigen Flügeln
Die Sphäre des Göttlichen streifen

Vom Wein und von frischen Ideen erhöht
Durch den Raum zwischen Festungen treiben
Die denkbare Fallhöhe allzeit im Sinn

Ohne Zahl

Beim Versuch,
Mitzuzählen,
In zahllosen Schritten verheddert:
Der Hass-Tanz der Liebes-Guerilla,
Zweisames Verbrechen
Im geteilten Raum:
Welteislehre,
Riefenstahlgrandezza
Und ein schmales Stück Gaffertape
Über dem Riss in der Milz.
Manisch panisch
Die peinlichen Dinge entsorgen
Vor dem Abschiedsbrief,
Geschenkt:
Strenge, Disziplin,
Bis im biblischen Alter
Die Augen zu trocken sind

Zuletzt

Krank im Kopf und
Hohl im Herzen
Betäubungstrunk
Phantomrestschmerzen

Grame Liebe
Bettelstein
Fahle Augen
Taubes Bein

Blick zurück
Kein Ehrenfeld
Blick voraus
Vom Nichts umstellt

Letzte Ausfahrt
War einmal
Hofrundgang

In Geberlaune

Es muss mal richtig krachen,
Die Welt soll auseinander fliegen.
Nur da zu stehn und lachen,
Um mich dann wieder einzukriegen.
Ich will mal um mich schlagen,
Anstatt wie immer stillzuhalten –
Das wollt ich nur mal sagen,
Nun spart euch eure Sorgenfalten.

Es juckt mich hinzulangen,
Will stolz das größte Arschloch sein,
Mich biegen aus den Stangen,
Das Biest vom Hirtenkleid befrein.
Ich wär’ vor Macht benommen
Und riss die Erde mir ans Kinn -
Doch dazu wird’s nicht kommen.

In einem dunklen kühlen Raum

In einer sternenlosen Nacht,
Umhüllt von sanfter Traurigkeit,
Vergessner, stehngebliebner Zeit,

Verborgen Jahr um Jahr verbracht,
Beschützt vor töricht lichtem Traum,
Davongestohln von Kampf und Streit,
Vor Glücksversprechen, Herzensleid.

Doch keine Nacht verhindern mag,
Dass eines fernen Morgens Licht
Mit Macht durch Spalt und Fugen bricht:
Die Sonne drängt, es zieht der Tag

Den Müden fort aus dem Versteck.
Die Schönheit trifft sein Herz mit Wucht -
Es findet, der nicht mehr gesucht,
Das Wort auf diesem Erdenfleck:

Das totgesagte Wunder Liebe
Hat seine alte Welt gesprengt,
Hat Qual und Hass ins Moor versenkt -
Undenkbar, was ihm übrig bliebe,

Wär all dies Glanz in einem Traum,
Den ihm ein treuer Alb gebracht
In einer sternenlosen Nacht
In einem dunklen kühlen Raum.

Frühlingsangst

Viel zu später, überladener Frühling,
Blüten und schwere Düfte
Explodieren eilig,
Als wäre es, diesmal wirklich,
Das letzte Mal.

Satt ist die Luft
Von Honig und Versprechen,
Und ich, ich steh da
Und weiß nicht wie
- So spricht der alte Mann -
Ich kann mich an keine Zukunft erinnern,
Mich greift ein schales Gefühl
Als wär ich bald schon
Nicht mehr da, sagt er
Und macht ein bitteres Gesicht.

An kotzt mich dein Selbstmitleid,
versetze ich, glucksend
Ob der blöden Inversion,
Sonne dich ja nicht so sehr
In deinen kleinen Katastrophen!

Ach ja, macht er, die Stimme raspelt,
Sei du nur nicht so hochgemut,
Und da zittert seine Hand
Mit dem Kaffee von gestern,
Du sagst es nicht,
Doch weißt du, wer ich bin,
Ich kann sie spüren, die Stelle
In der Brust, wo bald
Ein Blitz mich durchfährt,

Und du, ich bin dir ähnlicher,
Als dir lieb ist, und,
Er lehnt sich an die Wand:
Näher.

Geometrie für Liebhaber

Und sei es auch ein bipolarer Schub -
Schnell ausgebeutet sein
Will jede Euphorie, bevor sie sich aus dem Staub,
Den Jahrzehnte bar jeder Wertung hinterließen,
Macht.

Sich jünger rechnen – wie einfach das ist:
Das als unmöglich Erkannte,
Bewiesene,
Doch noch stemmen zu wollen
Mit dem Kopf dort durch die Wand,
Wo es neulich so hohl klang,
Dort hinterm Schrank,
Wo angeblich die vielbeinigen
Untiere hausen,
Von denen man nicht recht weiß,
Ob es sie noch gibt,
Und die ich in Schach halten muss,
Bis alles erledigt ist.
(Was es nie sein wird.)
Heraus, nur das weiß ich,
Kommen sie, wenn sie hungern,
Was also werf ich ihnen diesmal
Zur Täuschung zum Fraß vor?

Die Dreiteilung der Winkelspinne
Gewissermaßen, allein mit Zirkel
Und Stift, auf einem Blatt Papier
Weißgrauschmutzig wie ein
Etwas zu mildes Winteridyll,
Rückseite Falschausdruck
Wegen fast leerer Patronen,
Aus dem Papierkorb gefischt und entknüllt
Wie eine verschwendete Verliebtheit,
Das soll es also sein, warum nicht,
Heul doch, dass du in fünfzig Jahren
Verschwunden bist aus der Welt
Und aus jeglichen Gedanken,
Aber bis dahin, mein Freund,
Aber bis dahin!

Und nächste Woche
Kommen die Handwerker
Und reißen die Wand ein,
Und ich spähe hinein,
Und es ist das gleiche wie hier,
Nur: es wird ein neuer Fußboden gelegt,
Und die Miete wird höher, mag sein,
Aber bis dahin!

Weihnachts-Tournee

Und der Winter beißt auf Granit
So lange, bis es bricht
Helden und harte Männer
Seh ich im Umkreis nicht
Der Himmel ist 'ne Sturzgeburt
Der Schnee ist nass und grau
Baumkrüppel klammern an den Hang
Auf der Gegenseite ist Stau

Ich stehe hinterm Stacheldraht
Behütet wie ein Wild
Ich bin ein schmaler grauer Strich
In einem trostlosen Bild
Und bleib ich einfach Bild und Strich
Fährt der Bus an mir vorbei
Und wär' es nicht so hundekalt
Dann wär's mir einerlei.

Schauspielseminar

Du musst es fühlen,
Du Schwein, FÜHLEN !!!
Mit allen Fasern;
Polier ich die Fresse dir,
Bis dass es splittert
Und spritzt an die Wände warm,
Ist’s dir zum Besten.

Ach, du verdrecktes Stück Scheiße
Verstehst nicht,
Dass ich dich doch liebe,
mein Sohn, aber GLAUBHAFT,
das muss es schon sein. Siehst du:
Niedergebombt
Sind die Brücken zum Vorher,
Verreckt deine Mutter, dein Vater,
Die Schwestern geschändet – was glaubst du,
Für dich, nur für dich,
Dass du Wut spürst, Verzweiflung,
Nach Rache schreist, ach,
Deinen Hamlet, den hätt ich
Doch gern noch... das Messer,
Das Messer, was willst du damit,
Kennst du gar keinen Dank,
Du verwahrloster Hurensohn,
Lass mich, sehr alt fühl ich
Plötzlich mich, lass mich
Die Welt noch genießen ein Stück,
Gutes tun und all den Kinderlein
Zuschaun beim Wachsen,
Und Blumen zu züchten im Garten:
Das ist’s, was ich nur noch
Mir wünsche, kommst du mich
Besuchen mal und mit mir
Reden bei einem
Melissentee
Und mir erzählen, wie’s geht in der Welt,
Der Erfolg und dergleichen,
Du weißt schon, ach,
Tust du das?
Das würd mich freuen

Ein Raum für mich

heißt: kein Schlüssel für dich,
heißt: ich komme da hin,
alles kriegt einen Sinn,
heißt: ich fall in den Stuhl,
hier zählt nicht, ob cool,
ob peinlich ich wirk,
denn dies ist mein Bezirk,
in dem Gott man mich nennt,
meine Feinde verbrennt,
meine Werke versteht
oder anstandslos geht,
aber all dies ist Schein,
denn ich bin hier allein
und werd eins mit dem Traum

Ich habe geträumt

Was ich nicht wissen will,
Das Licht brach aus meinen Augen
Und zog die Konturen nach.
Gedanken wanderten
Im Körper umher,
Und die Sehnsucht,
Keine Sehnsucht mehr zu kennen,
Schrieb ein paar Verse
Auf die Wand aus Nacht

Ernüchterung

Der Aufstand
der leeren Gläser

Die schlafende Katze
auf dem Klavierschemel

Ha, denke ich
die Haustür öffnend und hinaustretend,
Ihr werdet schon noch sehen!

Draußen wird es